Filmkritik zu Celts

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    Das Leben ist (k)ein Kindergeburtstag

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Was haben die Teenage Mutant Ninja Turtles, Al Pacino und die serbische Wahrsagerin Kleopatra gemeinsam? Sie alle finden eine Erwähnung in „Celts“, dem Spielfilmdebut der serbischen Filmemacherin Milica Tomović. Das Drehbuch, welches von humorvoll verpackter, unterschwelliger Gesellschaftskritik nur so strotzt, schrieb die Regisseurin gemeinsam mit Tanja Šljivar. Seine Premiere feierte das Werk auf der diesjährigen Berlinale, wo der Film leider leer ausging. Beim Sarajevo Film Festival wurde Tomović dafür mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

    Belgrad, 1993. Das verheiratete Paar Majka (Dubravka Kovjanić) und Otac (Stefan Trifunovic) hat es nicht leicht: Im Ehebett herrscht tote Hose, die ältere Tochter Tamara (Anja Djordevic) hat ihre Liebe für Punkmusik entdeckt und bald steht auch noch der Geburtstag der jüngeren Tochter Minja (Katarina Dimic) an. Und dieser muss dementsprechend gefeiert werden! Unter dem Partymotto „Teenage Mutant Ninja Turtles“ werden deshalb nicht nur Schulkolleg*innen von Minja eingeladen, sondern auch Freund*innen der Eltern und Verwandte finden sich im Haus der Familie ein. Die Party ist bald in vollem Gange, was bedeutet, dass die Kinder um das beste Kostüm konkurrieren und bei den Erwachsenen der Alkohol in Strömen fließt. Das Chaos lässt da nicht lange auf sich warten.

    „Die sind hier alle verrückt!“ schreit die Mutter eines kleinen Partygasts, die nach kurzer Zeit vom Ort des Geschehens flüchtet. Majkas Bruder ergänzt später: „Wir sind alle verrückt. Der Grund, warum ich verrückt bin, ist der Staat.“ Diese beiden Aussagen umreißen schon äußerst prägnant die zwei Eckpfeiler, auf die sich „Celts“ im Großen und Ganzen stützt – Situationskomik und unterschwellige Kritik am politischen System.

    Milica Tomovićs Spielfilmdebüt verbindet dabei gekonnt Komik und Tragik miteinander und wirft außerdem einen eindringlichen Blick auf die serbische Bevölkerung zu Beginn der 90er Jahre. „Celts“ ist eine Geschichte mitten aus dem Leben und funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie so ungemein nachvollziehbar ist. Jeder, der schon mal auf einer Familienfeier oder Geburtstagsfeier zugegen war, findet hier sicherlich einige Ansatzpunkte, die einem vertraut erscheinen werden – wenngleich diese vorrangig auf Serbien bezogen und außerdem wahnsinnig überspitzt dargestellt sind.

    Das Herzstück des Films ist auf jeden Fall die Konzentration auf die vielen speziellen Charaktere. Obwohl eigentlich Majka als Protagonistin fungiert, kann man im Falle von „Celts viel eher von einem Ensemblefilm sprechen, bei dem sich die Handlung immer wieder auf eine andere Person konzentriert. Jede von ihnen durchlebt ihre eigenen kleinen Momente, die bezeichnend für die jeweilige Figur sind. Dies sorgt für eine Handvoll Subplots, die Probleme aus den unterschiedlichsten Altersklassen aufgreifen. Tamaras Teenie-Schwärmerei für ihren Onkel findet dabei genauso Platz wie die Liebeswirrungen rund um das lesbische Ex-Paar Ceca und Zaga, nachdem die Zweitgenannte ihre neue Freundin mitbringt. Besonders witzig erscheinen allerdings die Geschehnisse rund um den kleinen Ficá, dem Cousin von Tamara und Minja und eine wandelnde Katastrophe auf zwei Beinen, dem so ziemlich jedes Missgeschick passiert, das man sich nur vorstellen kann.

    Milica Tomović ist mit „Celts“ eine bunte Mischung aus Kammerspiel und familienbezogenem Gesellschaftsdrama gelungen, welches auf äußerst subtile Weise soziokulturelle Verweise einbaut. Da viele dieser Punkte lediglich angedeutet werden, wirkt es aber leider auch so, als wäre hier nicht immer alles bis zum Ende durchdacht worden. Punkten kann das Langfilmdebüt dafür mit seinem komödiantischen Stil, der aufgrund des grandiosen Timings durchwegs gut funktioniert. Die skurrilen, aber ebenso liebenswerten Figuren stellen dabei sicherlich ein Highlight dar!
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    (Marion Schlosser)
    04.12.2021
    11:22 Uhr