Filmkritik zu Tides

Bilder: Constantin Film Fotos: Constantin Film
  • Bewertung

    Zurück zur Erde

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Sci-Fi-Kino stellt im deutschen Sprachraum heutzutage eine große Seltenheit dar. Der Schweizer Tim Fehlbaum wagte vor ein paar Jahren nichtsdestotrotz den Versuch und veröffentlichte 2011 unter dem Titel „Hell“ einen Endzeit-Thriller, der auch auf internationaler Ebene Lob erntete. Bei Fehlbaums neuester Regie-Arbeit „Tides“ handelt es sich abermals um einen aufwändig produzierten Sci-Fi-Streifen, wenngleich der Film diesmal in englischer Sprache gedreht wurde.

    „Tides“ erzählt von einer dystopischen Zukunft, in der die Erde unbewohnbar gemacht wurde und all jene, die es sich leisten konnten, sich auf den Planeten Kepler 209 zurückzogen, um dort eine neue Zivilisation aufzubauen. Das große Problem jedoch: die dort ansässigen Personen sind unfruchtbar und können daher kein neues Leben mehr in die Welt setzen. Um trotzdem den Erhalt der Menschheit garantieren zu können, nimmt die dreiköpfige Besatzung der „Ulysses 2“ eine Mission in Richtung Erde auf sich, um diese neu zu erkunden. Nachdem bereits Jahre zuvor eine zur Erde entsandte Raumschiffbesatzung spurlos verschwunden war, legt auch die zweite Crew eine Bruchlandung hin. Die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) bleibt als einzige Überlebende zurück und muss bereits kurz nach Ankunft auf der Erde feststellen, dass dort immer noch einige Menschen wohnhaft sind. Auch wenn der einst grüne Planet mittlerweile zu einem gefährlichen Wattenmeer verkommen ist, sind einige Stämme verblieben und selbst kleine Kinder existieren noch. Als sich Blake einer Stammesführerin annähern möchte, wird sie plötzlich von einem Angriff des Menschen Gibson (Ian Glen) überrascht, der sich als einer der verschollenen Astronauten der ersten Ulysses-Mission herausstellt. Anfangs tritt er Blake gegenüber noch freundlich auf, bald muss sie aber realisieren, dass dieser Böses im Schilde führt…

    Der Film beginnt mit einer atemberaubend inszenierten Eröffnungssequenz, die dem Publikum den Umfang der Endzeit-Welt, in der sich die Geschichte zuträgt, deutlich zu spüren gibt. Fehlbaums drittes Werk beeindruckt mit präzise komponierten Bildwelten, die in ihrem ästhetischen Reiz locker mit filmischen Vorbildern aus den USA mithalten können. Selbiges gilt für das aufwändig gestaltete Szenenbild und das betörende Sounddesign. Dem Film gelingt es eine angenehm undeutsche Sci-Fi-Ästhetik herzustellen, die zwar klar von anderen Genre-Vertretern beeinflusst wurde, jedoch eigenständig genug daherkommt, um nicht als optische Kopie abgestempelt zu werden.

    Über die eher austauschbare Grundgeschichte lässt sich leider nicht dasselbe sagen. So spannend der Sci-Fi-Thriller auch anfängt, so schnell geht im storytechnisch leider die Puste aus. Der allgemeine Plotverlauf und die verwendeten Erzähltwists bleiben leider arg vorhersehbar. Da hilft es wenig, dass der Film gegen Ende viel zu stark auf überemotionalen Pathos setzt, durch den die anfängliche Bodenständigkeit aus dem Fenster geworfen wird. Immerhin lassen einem die kompetente Darstellerriege und die erstklassige technische Umsetzung des Stoffes über so manch narrative Unzulänglichkeit hinwegsehen.

    „Tides“ mag zwar eine etwas ausgelutschte Endzeit-Geschichte erzählen und dramaturgisch oft danebengreifen, ist aber dennoch ein wichtiger Schritt vorwärts fürs deutsche Genre-Kino. Tim Fehlbaum bietet dem Publikum eben die großen Schauwerte, die man im europäischen Kino oft vermisst und entwirft eine in sich schlüssige postapokalyptische Welt mit großer Liebe zum Detail und reichlich Ambition.

    Visuell aufregendes Sci-Fi-Kino made in Germany!