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    Schule mal anders

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Der Bildungsort Schule: für manche ist es das Stückchen Erinnerung an eine (vermeintlich) bessere Vergangenheit, in der man tagtäglich seine Freunde gesehen hat und mehr Freizeit denn je zur Verfügung hatte. Viele andere verbinden damit hingegen einen Ort, an dem man rund um die Uhr einem ungesunden Leistungsdruck ausgesetzt war und von allen Seiten mit oft uninteressant vermittelten Lehrinhalten bombardiert wurde. Wer nicht ins System passte, wurde gleich mal ausgesiebt. Was aber wenn ein Lehrer versucht, diesem zentralisierten Bildungssystem entgegenzuwirken und individuelle Begabungen fördert, anstatt die Schülerschaft wie eine einheitliche Masse zu behandeln? Die deutsche Filmemacherin Maria Speth veranschaulicht in ihrer neuesten Dokumentation „Herr Bachmann und seine Klasse“ eindrücklich, dass ein für viele wohl utopisch klingendes Konzept wie das eben erwähnte auch in der Realität funktionieren kann.

    Im Vordergrund der Langzeitdokumentation steht der 64-jährige Dieter Bachmann, der seit 17 Jahren an der Georg-Büchner-Gesamtschule in der mittelhessischen Kleinstadt Stadtallendorf unterrichtet. Schon nach außen hin erscheint Herr Bachmann nicht wie ein klassischer Schullehrer. Am Kopf trägt er stets eine gemütliche Mütze und zieht im Unterricht auch gern mal lässige Sweatshirts mit AC/DC-Logo an. Besonders fällt der Herr aber für seine äußerst unorthodoxen Lehrmethoden auf. Seinen Schüler*innen, die aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen und oftmals Migrationshintergrund haben, vermittelt er die Lehrinhalte spielerisch und kreativ, ohne auch nur ein Kind links liegen zu lassen. Er setzt dabei auf Förderung individueller Stärken und möchte zu jedem einzelnen eine persönliche Bindung herstellen. Die unterschiedlichen Individuen der sechsten Klasse, die er gerade unterrichtet, stehen kurz vorm Wechsel in eine weiterführende Schule. Der empathische Lehrer versucht seine Schützlinge gewissenhaft auf ihre Zukunft vorzubereiten und ihnen jegliche Ängste und Unsicherheiten zu nehmen. Speth hat Bachmann in seinem letzten Jahr vor der Rente mit Kameras begleitet und ein filmisches Porträt seines ehrwürdigen Berufsalltag geschaffen.

    Ohne auch nur einen Hauch von Künstlichkeit, präsentiert Speth in ihrer Doku eine Schulklasse als gesellschaftlichen Mikrokosmos, in welchem Schüler*innen die Autoritätsperson „Lehrer“ nicht zu fürchten haben, sondern als Vertrauensmenschen sehen. Anstatt auf manipulative Inszenierungsmittel wie aufdringliche Hintergrundmusik oder offensichtlich gescriptete Situationen zu setzen, wird viel eher auf Beobachtungen des schulischen Alltags geachtet. Speth gibt den einzelnen Individuen von Dieter Bachmanns Klasse genügend Freiraum zur Selbstentfaltung und lässt diese dadurch zu wahrlich erinnerungswürdigen Charakteren werden. Durch den beobachtenden Inszenierungsstil erhält der Film eine Nahbarkeit und Intimität, die uns als Publikum an den einzelnen Schicksalen der gezeigten Personen teilhaben lässt.

    Vor allem Menschlichkeit wird in Speths neuestem Werk groß geschrieben. Die Dokumentation nähert sich dem titelgebenden Herrn Bachmann nicht nur als Lehr-, sondern auch als Privatperson an und schafft so ein dreidimensionales Abbild eines Mannes, der die Hoffnung an das Gute im Menschen nicht aufgegeben hat. Bewegend ist vor allem ein Moment, in dem der kauzige aber liebenswerte Altlehrer seiner Schülerschaft, die zum Teil mit (vermutlich elterlich vererbten) homophobem Gedankengut ausgestattet ist, erklärt, weshalb gleichgeschlechtliche Liebe etwas ganz Natürliches ist. Herr Bachmann begegnet seinen Schüler*innen mit Empathie und Sympathie, ohne sich aber von ihnen drangsalieren zu lassen. Wen ihm etwas nicht passt, dann spricht er das auch an. Die Magie entsteht aus dem verständnisvollen Umgang, den er den Kindern gegenüber an den Tag legt. Oft bedient er sich der universellen Sprache der Musik, um den Unterrichtsstoff kreativ weiterzugeben. Herrn Bachmann ist ein jeder seiner Schüler*innen gleich viel wert – unabhängig von den jeweiligen Noten oder der Herkunft. Die Doku zeigt jedoch auch, wie andere Professor*innen derselben Schule mit ähnlich empathischen Lehrmethoden die Kinder und Jugendliche ebenso effektiv erreichen. Alleiniges Engagement bewirkt oft wahre Wunder.

    Die Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider beeindrucken mit einer erstaunlichen Qualität für einen Dokumentarfilm. Die Kamera befindet sich stets mitten im Geschehen und geleitet das Publikum mit betörenden Aufnahmen durch das letzte Schuljahr eines Ausnahmelehrers. So wird sogar eine einfache Klassenfahrt zum wahren Kinoerlebnis.

    Viele wird die knapp dreieinhalbstündige Laufzeit von Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“ wohl eher abschrecken, als zu einem Kinobesuch zu überreden. Wer jedoch das nötige Sitzfleisch mitbringt, wird mit einem dokumentarischen Mammutwerk der Extraklasse belohnt werden. Ein optimistisches und ungemein menschliches Stück Kino, das beweist, was Schule im besten Fall sein kann!