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  • Bewertung

    Ambitioniertes aber teils lückenhaftes Gerechtigkeitsdrama

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Der Iran hat in den letzten Jahren viele beeindruckende gesellschaftskritische Dramen geliefert. Auch der Gewinner des letzten Jahres, „There is no Evil“, kam aus dem Land am persischen Golf. In „The Ballad of a White Cow“ dreht sich alles um eine Witwe, deren Mann fälschlicherweise unschuldig hingerichtet wurde, und die nun verzweifelt versucht Gerechtigkeit zu erlangen, während der Staat und die Familie ihres Mannes als alleinerziehende Mutter zuzusetzen versuchen.

    Die Dramaturgie von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam mag zwar etwas zu wünschen übrig lassen, aber Maryam Moghaddam, die hier ebenfalls die Hauptrolle spielt erhebt mit ihrer wunderbaren Darstellung das Material über seine trübe Ausgangslage hinaus. Die weibliche Würde, mit der Moghaddams Figur Mina sich gegen die Attacken ihres Umfelds wehrt, und gleichzeitig ihre taube Tochter Bita (Avin Purraoufi) großzieht, sind von stoischem Stolz und feministischer Kämpfernatur gezeichnet.

    Ihr Alltag ist davon gezeichnet, einerseits als Frau allein in einer Wohnung zu wohnen, ein Zustand, von dem man im Iran erwartet dass die Frau zurück zur Familie unter die Herrschaft eines männlichen Familienmitglieds zieht. Zum anderen ist da ihr Schwager (Pourya Rahimisam) und Schwiegervater (den man nie persönlich trifft), die versuchen Mina dazu zu bringen zu ihnen zu ziehen, und als sie sich wehrt das Sorgerecht der Tochter zu erlangen.

    Doch Mina erhält unterwartet Unterstützung von einer traurig wirkenden Figur namens Reza (Alireza Sanifar). Dieser erscheint eines Tages vor ihrer Tür und bietet ihr Geld dass er angeblich ihrem toten Mann schuldet. Reza scheint Mitleid und Bewunderung für die Situation Mina zu haben und er beginnt, ihr bei ihrem Kampf gegen das patriarchale, misogyne System zu helfen. Mina hat nämlich beschlossen den Staat auf eine Entschuldigung für die Hinrichtung ihres unschuldigen Mannes zu verklagen. Sie muss vor Gericht auch um das Sorgerecht für Bita kämpfen. Und dann ist da noch die Unterkunftsproblematik, als sie als Witwe plötzlich auf der Straße steht.

    Doch während Mina immer mehr auf die Hilfe und den guten Willen Rezas vertraut, ist dem Zuschauer sehr bald bewusst, welchen Hintergrund der mysteriöse Mann wirklich hat. Die Suche nach Gerechtigkeit und Selbstbestimmung, die Mina so sehr antreibt, wird somit nicht durch ihn gefördert, vielmehr entpuppt er sich als schwacher Mann, der Mina für sein eigenes Seelenheil ausnutzt und durch die Verleumdung seiner eigenen Identität ihr genau das vorenthält was sie sich so sehr wünscht.

    Sanaeeha und Moghaddam fangen diese Suche nach Gerechtigkeit mit wenig Überdramatisierung und pointierten Beobachtungen ein, dennoch verirrt sich der Film gelegentlich in zu lang geratenen melodramatischen Momenten. Der Symbolismus, die Szenen eines Gefängnisses in dem eine weiße Kuh gefangen scheint, ist sinnbildend für eine Gesellschaft, die von ihren eigenen Extremen eingekesselt ist.
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    (Susanne Gottlieb)
    12.05.2021
    15:22 Uhr
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