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    Vom moralischen Zerfall einer Gesellschaft

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2021
    Heutzutage ist den meisten der Name Erich Kästner wohl am ehesten als harmloser Kinderbuchautor geläufig. Dass der deutsche Schriftsteller mit Weltruhm neben kindlichen Werken wie „Das doppelte Lottchen", „Emil und die Detektive" oder „Das fliegende Klassenzimmer“ auch deutlich reifere Bücher, die klar auf ein erwachsenes Publikum ausgerichtet waren, zu verantworten hat, wird mittlerweile oft vergessen. Zu Kästners bedeutendsten Werken gehört der 1931 erschienene Großstadtroman „Fabian“, der ursprünglich den Beititel „Die Geschichte eines Moralisten“ trug. Das mit autobiografischen Zügen ausgestattete Buch wurde bereits 1980 unter Regie von Wolf Fremm verfilmt. Unter dem Titel „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ hat sich Dominik Graf (u.a: „Die geliebten Schwestern“) nun an eine Neuverfilmung des Stoffes herangewagt. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

    Wie der Originalroman spielt sich auch die neueste Leinwand-Adaption des Kästner-Romans im Berlin der frühen 1930er, den letzten Jahren der Weimarer Republik, ab. Der Anfang 30-jährige Jakob Fabian (Tom Schilling), der unbedingt professionell als Schriftsteller tätig sein möchte, verdient aktuell seine Brötchen als Werbetexter für eine Zigarettenfirma. Seine Freizeit verbringt der angehende Autor gerne gemeinsam mit seinem besten Freund Stephan Labude (Albrecht Schuch), mit dem er nachtsüber oft Streifzüge durch die Bar- und Kneipenszene Berlins unternimmt. Als Fabian eines Tages die aufstrebende Schauspielerin Cornelia (Saskia Rosendahl) kennenlernt, glaubt er die große Liebe gefunden zu haben. Das vermeintliche Glück der beiden wird aber von so manch unglücklicher Wende überrascht, während sich im Hintergrund verheerende politische Konflikte und Spannungen anbahnen. Der neugefundene Optimismus Fabians erweist sich als fataler Fehler für seine Zukunft.

    Die knapp dreistündige Neuverfilmung des komplexen Kästner-Romans entpuppt sich als wahrhaftiges Epos, das sein Publikum von Beginn an in den Bann zieht. Dominik Graf schafft es eine hypnotische Bildsprache (gedreht wurde der Film im nahezu quadratischen 4:3) zu kreieren, die gleichermaßen rustikal und modern daherkommt. Trotz des 1930er-Settings fühlt sich der Film in seiner präzisen Beobachtung politischer Entwicklungen brandaktuell an. Eine Entscheidung, die mit Sicherheit bewusst geschehen ist – beginnt der Film doch sogar mit einer vermeintlichen Plansequenz, die uns von einem U-Bahnhof des 21. Jahrhunderts ins nachgebaute Berlin der frühen Dreißiger geleitet. Die Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar. Ein stetig voranschreitender Rechtsruck, der am Rande der Gesellschaft seinen Ursprung findet, aber immer mehr Akzeptanz von der vermeintlichen Mitte erfährt. Eine Spaltung in zwei extreme politische Lager, deren Denkweisen und moralischen Ansichten kaum weiter voneinander entfernt liegen könnten. Eine Wirtschaftskrise, die vielen Arbeiter*innen einen Strich durch die Rechnung macht. Graf verwendet die politischen Bezüge des Originalromans gekonnt, um dem modernen Publikum den Spiegel vorzuhalten und das Stimmungsbild einer Gesellschaft, die – wie es Kästner einst selbst hart ausdrückte – vor die Hunde geht, nachzuzeichnen. Dies geschieht aber zum Glück auf angenehm subtilem Wege und ganz und gar ohne erhobenem Zeigefinger.

    Neben der technischen Finesse und dem clever strukturierten Drehbuch sind es vor allem auch die Darsteller*innen, die „Fabian“ zu einem äußerst sehenswerten Stück deutsches Kino machen. Tom Schilling (u.a: „Oh Boy“, „Who Am I“, „Werk Ohne Autor“) beweist sich einmal mehr als eines der großen Schauspieltalente des kontemporären deutschen Films und beeindruckt mit seiner ausdrucksstarken Mimik. Auch Albrecht Schuch, der in der jüngeren Vergangenheit durch Filme wie „Systemsprenger“ oder „Berlin Alexanderplatz“ Aufmerksamkeit auf sich lenkte, ist als von der Liebe enttäuschter Doktorand aus reichem Hause nicht minder überzeugend. Lediglich das begleitende Voice-Over fühlt sich in manchen Momenten überflüssig und deplatziert an. Bekritteln ließe sich zudem auch die Lauflänge des Mammutwerks, bei der sich die ein oder andere Durststrecke eingeschlichen hat.

    Ansonsten ist Dominik Graf mit „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ eine faszinierende Kästner-Verfilmung gelungen, die gleichzeitig als fesselndes Historiendrama und erschreckende Parabel auf aktuelle Zeitgeschichte zu funktionieren weiß. Die Geschichte dreht sich wie so oft leider im KreLebhaftes deutsches Kino mit politischer Brisanz!