Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Die Schatten der Vergangenheit

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Das Sub-Genre der „Home Invasion“ ist in der Regel eine der effektivsten Formen des Horrors. Allein die Vorstellung, jemand Fremdes könnte den vermeintlichen Frieden der eigenen vier Wände stören und darin Angst und Schrecken verbreiten, ist für die meisten ein wahrhaftiger Albtraum. Was wenn sich aber ein solches Schreckensszenario nicht einmal im Eigenheim, sondern auf einer nach außen hin idyllischen Picknickwiese im Freien zuträgt? Dann dürfte man wohl „Coming Home in the Dark“, das zutiefst verstörende Langfilmdebüt des Neuseeländers James Ashcroft, bekommen.

    Hoaggie (Erik Thomson) und Jill (Miriama McDowell), ein verheiratetes Lehrerpaar aus Wellington, begibt sich gemeinsam mit ihren Teenager-Söhnen (Frankie and Billy Paratene) auf einen entspannten Roadtrip. Nach einer Wanderung in den Bergen will die Familie einen Raststopp an einer menschenleeren Grünfläche am Rande eines Flusses einlegen. Als das Vierergespann gerade für das perfekte Familienfoto posieren möchte, wird ihr idyllisches Dasein plötzlich durch die Ankunft zweier mit Waffen ausgestatteter Männer gestört. Der psychopathische Mandrake (Daniel Gilles) und dessen vergleichsweise in sich gekehrter Partner Tubs (Matthias Luafutu) machen von Anfang an einen unheimlichen Eindruck, das eigentliche Ausmaß der Situation wird aber erst nach ein paar Minuten ersichtlich. Was zunächst den Anschein eines Raubüberfalls macht, entpuppt sich nämlich bald schon als Startschuss einer blutrünstigen Entführungsgeschichte mit unentrinnbaren Folgen. Die beiden Kidnapper verbindet eine gemeinsame Vergangenheit mit dem scheinbar freundlichen Hoaggie, von der der Familienvater nun mehr als zwanzig Jahre später eingeholt und heimgesucht wird. Es folgt eine nächtliche Terror-Odyssee, bei der gewiss nicht ein jeder mit dem Leben davon kommen wird.

    Ashcrofts nervenzerreißender Psychothriller beginnt mit einer der jetzt schon unbestreitbar erschütterndsten Anfangssequenzen, die wir dieses Jahr im internationalen Horrorkino zu Gesicht bekommen werden. Der anfangs idyllische Aufbau lässt den Schock, der mit der abschließenden Wendung dieser Sequenz einhergeht, umso tiefer sitzen. Diese unbehagliche Atmosphäre schafft es Regisseur Ashcroft bis zum bitteren Ende seines Debütfilms aufrechtzuerhalten. Ohne sich auf billige Stilmittel wie Jumpscares zu berufen, gelingt es Ashcroft mithilfe clever-platzierter Kameraeinstellungen und Soundeffekte gekonnt eine zutiefst beklemmende Stimmung aufzubauen. Der limitierte Schauplatz des Autos, in dem sich der Thriller zu weiten Teilen abspielt, verhilft den Film dabei, glaubhaft ein Gefühl der Enge und Klaustrophobie zu vermitteln. Selbst in seinen härtesten Momenten lebt der Film jedoch nicht von expliziten Gewaltdarstellungen, sondern oft rein von den Implikationen besagter Gewaltausbrüche. Ashcroft beharrt allem Anschein nach darauf, dass das größte Grauen sich zumeist in der Fantasie des Publikums abspielt und das direkte Zeigen der Gewalt den gewünschten Schockeffekt oft maßgeblich verringern kann. Der Film beweist eindrücklich, dass pures Kopfkino in vielen Fällen für den wirksamsten Terror sorgt.

    Zwischenzeitlich verfängt sich der Horrorthriller in so manch Genre-Klischee und erweckt nach ein paar repetitiven Momenten gar den Anschein, als würde dem Grundkonzept langsam die Puste ausgehen. Glücklicherweise hält die traumatische Hintergrundgeschichte, auf die der Plot des Films aufbaut, das ein oder andere Überraschungsmoment parat und verleiht dem Narrativ ein unerwartetes Maß an Tiefe. Durch die sporadischen Enthüllungen der Vergangenheit unserer Protagonisten durchbricht Ashcroft nach für nach die anfangs klar definierte Rollenverteilung zwischen Gut und Böse und bringt Zuschauer*innen dezidiert in eine moralische Zwickmühle ohne eindeutige Identifikationsfigur.

    James Ashcroft liefert mit „Coming Home in the Dark“ ein gelungenes Spielfilmdebüt ab, das den Regisseur als heiße neue Stimme im Horror-Bereich etabliert. Ein schick inszenierter, glaubhaft gespielter und in seiner schonungslosen Darstellung menschlicher Abgründe allen voran beängstigender Psychothriller, der bestimmt nichts für schwache Nerven ist.

    Nihilistisches Extremkino aus Neuseeland!