Filmkritik zu Suzanna Andler

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  • Bewertung

    Ein Verhältnis an der französischen Riviera

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Wenn Charlotte Gainsbourg und Niels Schneider zusammentreffen, um gemeinsam mit Regisseur Benoît Jacquot ein Stück von Marguerite Duras für die Leinwand umzusetzen, klingt das zugegebenermaßen wie ein äußerst vielversprechendes Unterfangen. Dass so ein Unterfangen aber nicht immer von Erfolg gekrönt sein muss, das wird anhand von Jacquots neuestem Werk nur allzu deutlich. „Suzanna Andler“ stellt indirekt bereits die zweite Verfilmung des gleichnamigen literarischen Werkes dar, wenn dies auch in abgewandelter Form unter dem „Baxter, Vera Baxter“ geschah – bereits 1977 und umgesetzt von Duras selbst.

    Die Millionärsgattin Suzanna Andler (Charlotte Gainsbourg) trifft in einer neu angeschafften Villa an der französischen Riviera ihren Liebhaber (Niels Schneider). Weit weg von Tochter und Ehemann, kommt sie hier ins Grübeln. Reich an materiellem Besitz scheint sie gefühlstechnisch geradezu verarmt zu sein. Was erwartet sie von ihrer Zukunft, was hat ihr die Vergangenheit alles gebracht? Ihr Leben scheint eine gewisse Tristesse zu umgeben, der sie sich nun immer bewusster wird. Der Tag vergeht und die Gedanken beginnen zu kreisen…

    Dass „Suzanna Andler“ fast zur Gänze in nur einem Zimmer spielt und dabei stark an ein Kammerspiel erinnert, ist nicht verwunderlich, wenn man die literarische Vorlage betrachtet. Und auch dass sich der Film als sehr dialoglastig herausstellt, war aufgrund der Klassifizierung des Dramas als „Dialogstück in vier Akten“ vorherzusehen. Interessant erscheint allerdings die Tatsache, dass die Urheberin des Werkes, Marguerite Duras, ein ziemlich ambivalentes Verhältnis zu „Suzanna Andler“ hatte, da dies dasjenige ihrer Werke darstellte, mit welchem sie am unzufriedensten war. Dass ihr guter Freund und ehemaliger Regieassistent Jacquot genau dieses Drama verfilmen würde, das unterstützte sie jedoch, obgleich sie bereits im Jahr 1996 verstarb und somit die filmische Umsetzung, die erst viele Jahre später Wirklichkeit wurde, leider nicht mehr miterleben konnte.

    Duras Einfluss spielte für diese Verfilmung allerdings auch abseits ihrer Rolle als Autorin eine große Rolle: Denn die Art und Weise, wie Benoît Jacquot „Suzanna Andler“ inszenierte, erinnert stark an die Filme von Marguerite Duras, die nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Filmemacherin international gefeiert wurde. So weist Jacquots Verfilmung auch starke Züge zu „India Song“ auf, einem ihrer bekanntesten Filme (und in dem der Regisseur sogar eine Minirolle bekleidete), wenn „Suzanna Andler“ auch weit weniger abstrakt erscheint.

    Aber auch hier begegnen wir einer weiblichen Protagonistin über einem relativ kurzen Zeitraum an einem ziemlich überschaubaren Schauplatz. Auch hier wirkt die bedrohliche Musik, die oft plötzlich und kurz zu vernehmen ist, oft störend. Auch hier erhält das gedankliche Innenleben der Hauptperson eine zentrale Bedeutung. In „Suzanna Andler“ wird das alles durch sehr lange, fixierte Kameraeinstellungen untermalt, die oftmals einfach nur die Hauptdarstellerin Gainsbourg zeigen, wie sie über ihr Leben philosophiert. Das kann dann aber auch schnell langatmig wirken.

    Im Allgemeinen ist „Suzanna Andler“ zwar ganz passabel inszeniert, bei einem Film, der so stark auf die Gefühlsebene Bezug nimmt, stellte sich das Gesamtergebnis allerdings als eher enttäuschend heraus. Charlotte Gainsbourg und Niels Schneider zählen zwar zu den renommiertesten Schauspieler*innen Frankreichs, ihr Schauspiel in „Suzanna Andler“ wirkt allerdings eher uninspiriert und geradezu emotionslos. Wenn sie von einer Unterhaltung in die nächste gleiten, umgibt Gainsbourg zwar immer eine gewisse Traurigkeit, so ganz will der Funke zwischen den beiden Akteur*innen aber nicht überspringen. Schade. Die Verfilmung von „Suzanna Andler“ stellte sich dann wohl doch lediglich am Papier als äußerst vielversprechende Idee heraus.
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    (Marion Schlosser)
    08.02.2021
    11:16 Uhr