Filmkritik zu The Sparks Brothers

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  • Bewertung

    „This Town Ain’t Big Enough for Both of Us“

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Die beiden Brüder Ron und Russell Mael gründeten Ende der Sechziger das Bandprojekt „Halfnelson“", aus dem nur wenige Jahre danach das Duo „Sparks“ (in Anlehnung an die legendären Marx-Brothers) entstehen sollte. Russell war von Anfang an Sänger der Band, während ihm sein drei Jahre älterer, mit Chaplin-haften Bart ausgestatteter Bruder Ron mit Keyboard- und Synthesizer-Klängen zur Seite stand. Ein Umstand, der sich bis heute nicht verändert hat. Die Sparks waren in den 70er- und 80er-Jahren besonders für ihr exzentrisches Auftreten aufgefallen und bekamen dafür reichlich mediale Beachtung. Die eigensinnige Mischung aus Pop und Glam Rock schmeckte jedoch gewiss nicht jedem und aufgrund der oft humorvollen Texte, wurde die Musik der beiden US-Amerikaner von einigen verkannt und lange nicht wirklich ernstgenommen. Obwohl die Band aber eben genau wegen ihrer lyrischen Einfälle und höchst einflussreichen Musik über die Jahre einiges an Wertschätzung erfahren hat und gar ein paar finanzielle Charterfolge feiern durfte, sind die Sparks heutzutage vielen kein Begriff mehr. Edgar Wright, der britische Kopf hinter verspielten Genre-Komödien wie „Shaun of the Dead“, „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ und „Baby Driver“, möchte mit seinem Doku-Debüt „The Sparks Brothers“ das extravagante Leben und Schaffen seiner liebsten Musikgruppe nun endlich einem breiteren Publikum näher bringen.

    Die Doku beleuchtet die gesamte Bandgeschichte der Sparks – angefangen bei der Formation in den späten Sechzigern, hinzu ihrem heutigen musikalischen Dasein im 21. Jahrhundert. Bei der Fülle an Informationen, mit der Wright seinen Film vollgestopft hat, darf man ihm die zweieinhalbstündige Laufzeit durchaus verzeihen. Durch Wrights gewohnt rasante Schnittfolgen vergehen diese ohnehin wie im Fluge. Abseits des informativen Mehrwerts ist die Musikdokumentation allen voran unverschämt unterhaltsam geworden. Wright lässt dabei die gegenwärtigen Versionen der zwei titelgebenden Brüder zu Wort kommen, die so manch amüsante Anekdote zu erzählen haben. In klassischer Dokumentar-Interview-Manier wurden auch zahlreiche prominente Fans der Sparks über das große Erbe der Sparks befragt. Darunter unter anderem: Musiker*innen wie Flea, Beck, Björk oder Weird Al Yankovic, aber auch Hollywood-Größen wie Patton Oswalt, Jason Schwartzman oder Mike Myers.

    Allgemein wird auch auf die eigene Film-Affinität des Brüder-Duos eingegangen, die sie überhaupt erst dazu bestärkte, selbst ins Rampenlicht zu wollen. Über Jahre versuchten Ron und Russell neben ihrer Musik auch im Filmgeschäft Fuß zu fassen, meist war jedoch ein unglücklicher Zufall dazwischen gekommen. Ursprünglich hätten die zwei in den frühen Achtzigern die Hauptrollen in einer Komödie des legendären Jacques Tati übernehmen sollen, der vorzeitige Tod des französischen Regisseurs verhinderte aber die Realisierung des Projekts. Ende der 80er-Jahre wurden die beiden dann dazu angeheuert, den Soundtrack zu einer Manga-Adaption von niemand geringerem als Tim Burton beizusteuern. Doch auch dieses Projekt wurde nie umgesetzt. Wie die Doku gegen Ende mit zufriedenstellender Wirkung zeigt, gelang es Ron und Russell nach all den zerplatzten Träumen im vergangen Jahr endlich, sich erstmals an einem größeren Filmprojekt zu beteiligen. Das Drehbuch zum kommenden Musicalfilm „Annette“ von Leos Carax, dessen Besetzung Namen wie Adam Driver oder Marion Cotillard angehören, stammt nämlich aus der Feder der Brüder.

    Ebenso widmet sich die Doku all den Neuerfindungen der Band. Musikalisch wollten sich die Sparks nie in eine bestimmte Schublade stecken lassen und strotzten jeglichen Versuchen der Kommerzialisierung. Als die beiden in Folge ihres großen Hits „This Town Ain't Big Enough for Both of Us“ darum gebeten wurden, eine Tanznummer mit kommerziellem Potential zu kreieren, gaben sie dem Studio musikalisch die Mittelfinger. In Antwort auf die Anfrage entstand nämlich das ironisch betitelte Lied „Music You Can Dance To“. Die Doku zeigt auch eindrücklich, wie die Musik der beiden über die Jahre mit der Zeit mitgegangen ist, anstatt sich an die Stile der Vergangenheit festzuklammern. Ihrer exzentrischen Linie sind die zwei aber stets treu geblieben.

    Auch ästhetisch wird der Film der Exzentriker-Ader der Sparks gerecht. Mithilfe aufwändig gestalteter Zeichentrick- und Stop-Motion-Zwischensequenzen werden Erzählungen von Ron und Russell angemessen visualisiert. Auch die finale Pointe des Films, in der die zwei Brüder erfundene Alternativ-Fakten übereinander erzählen, gibt den kreativen Geist ihrer Band gekonnt wieder.

    Edgar Wright schenkt mit „The Sparks Brothers“ zwei oft vergessenen Musik-Größen das Doku-Porträt, das sie sich verdient haben. Unterhaltsam und mit unwiderstehlicher Energie ausgestattet hangelt sich Wright durch sämtliche Karrierestationen der einzigartigen Bandgeschichte. Große Empfehlung für „Sparks“-Fans und all jene, die es nach Sehen der Doku sowieso auch sein werden!

The Sparks Brothers

Großbritannien 2021
Regie: Edgar Wright
Darsteller: Ron Mael, Russell Mael