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  • Bewertung

    „I am… a revolutionary“

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Während die meisten Filme, die ihre Premiere im Zuge des Sundance Film Festivals 2021 feierten, frühestens Ende des Jahres in Kinos anlaufen werden, wird das Drama „Judas and the Black Messiah“ in vielen Ländern bereits im Februar zu sehen sein. In den USA startet der Film gleichzeitig mit vereinzelten Kinostätten auf der Streamingplattform HBO Max. Der zweite Film von Regisseur Shaka King nach seinem Filmdebüt „Newlyweeds“, wurde erst kurz vor Festivalbeginn als Programmpunkt angekündigt und dort mit größter Begeisterung vom Publikum angenommen. „Judas and the Black Messiah“ versammelt einen gnadenlos talentierten Cast rund um Daniel Kaluuya, LaKeith Stanfield, Dominique Fishback, Jessie Plemons und Martin Sheen.

    Nachdem sich der junge William O’Neal (Lakeith Stanfield) des Autodiebstahls schuldig macht, macht ihm ein FBI-Agent (Jessie Plemons) das Angebot seine angedachte Strafe maßgeblich verkürzen zu können, wenn O’Neal im Gegenzug versuchen würde so nah wie möglich an Fred Hampton (Daniel Kaluuya), Chairman des Chicago Black Panthers Chapter, heranzukommen. Der ahnungslose William nimmt den ominösen Deal an und steigt schon bald innerhalb der Black Panthers bis zum Sicherheitschef auf, während er hinterrücks sämtliche Pläne und Geheimnisse dem FBI weitergibt. Während Fred Hampton versucht möglichst viele Aktivistengruppen gegen die korrupte, gewalttätige Polizei zu versammeln, streut das FBI im Zuge einer großangelegten Kampagne Lügen und bringt gefälschte Dokumente in Umlauf, die einen Zusammenschluss linker Radikaler verhindern sollen. Auch der Versuch Fred Hampton wegen einer angeblichen Straftat dauerhaft hinter Gitter zu bringen, währt erstmals nicht lange, und schon bald setzen sie sich zum Ziel den charismatischen Jungaktivisten mit der Hilfe O’Neals endgültig außer Gefecht zu setzen.

    Obwohl die im Film dargelegten Geschehnisse schon mehr als 50 Jahre zurückliegen, könnte die Thematik nicht aktueller oder wichtiger sein. Korrupte Polizist*innen kontrollieren und drangsalieren damals, wie heute, nur allzu gerne vorwiegend Menschen nicht-weißer Hautfarbe. Eine Tatsache, die auf eine lange Tradition von institutionalisiertem Rassismus und Kolonialismus zurückgeht. Im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung wurde das Problem des systematischen Rassismus und einer längst aus dem Ruder gelaufenen Polizeigewalt erneut laut aufgegriffen und eine lang überfällige Debatte zur Ansprache gebracht, an die der Film nahtlos anschließt.

    Das biographische Drama beruht auf den Geschehnissen, die in den Jahren 1968/1969 in Chicago schlussendlich zur brutalen Ermordung des 21-jährigen Fred Hampton während einer künstlich forcierten Razzia geführt haben. Die damalige FBI-Führung rund um den berüchtigten J. Edgar Hoover (dargestellt von Hollywood-Urgestein Martin Sheen) sah sich zunehmend durch seine erfolgreiche Führung der Black Panthers Partei in Chicago bedroht. Die Panthers, die für eine revolutionäre (und wenn notwendig auch gewaltsame) Auflehnung gegen Polizei und Staat standen, waren der Behörde schon lange ein Dorn im Auge und daher Fixpunkt von polizeilichen Ermittlungen, was beispielsweise auch der Netflix-Film „The Trial of the Chicago 7“ demonstriert.

    Daniel Kaluuya, der für seine Rolle in „Get Out“ bereits mit einer Oscar-Nominierung geehrt wurde, schöpft für die Darstellung des radikalen Hampton aus den Vollen und liefert so die wohlmöglich beste Performance seiner Karriere ab. Die elektrisierende Chemie, die er im Zuge dessen zu Schauspielkollegin Dominique Fishback aufbaut, die Hamptons Verlobte und spätere Kindesmutter Deborah Johnson großartig darstellt, trägt maßgeblich dazu bei, dass die Figur des Fred Hampton zu einem komplexen, dreidimensionalen Charakter mit authentischer Tiefe heranwächst. Nach einer kürzlich angekündigten Golden Globe- Nominierung als „Bester Nebendarsteller“ für „Judas and the Black Messiah“ wird Kaluuya ebenso für die diesjährige Oscar-Verleihung als möglicher Buhler um die Goldstatue vermutet. Auch Lakeith Stanfield, der vor allem durch die Comedyserie „Atlanta“ und den Sundance-Hit „Sorry to Bother You“ ein Begriff sein dürfte, überzeugt als hinterhältiger O’Neal und steigt mit seiner schauspielerischen Bandbreite immer mehr zu einer Fixgröße des kontemporären Kinos auf.

    Mit einem bis ins kleinste Detail recherchierten Drehbuch, bei dem Hamptons einziger Sohn Fred Hampton Jr. eine beratende Funktion innehatte, gelingt es Shaka King nicht nur die damaligen Geschehnisse akkurat und schonungslos darzulegen, sondern diese auch in einen modernen Kontext zu stellen, die den Zeitgeist der aktuellen Ära, in der ein neuer Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung begonnen hat, umfassend einfängt.

    „Judas and the Black Messiah“ skizziert den historischen Hintergrund, der einer der damals stärksten Stimmen im Kampf gegen Rassismus und sozialer Ungleichheit das Leben kostete, auf radikale und mutige Art und Weise. Das absolute Highlight am Sundance 2021 und mein persönlicher Favorit des bisherigen Kinojahres!
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    (Julia Pogatetz)
    07.02.2021
    17:27 Uhr