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    Nic Cage trifft auf Sion Sono

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Unter Liebhabern asiatischen Kinos und Freunden des Verrückten genießt Sion Sono einen nahezu gottgleichen Status. Das exzentrische Schaffen des japanischen Filmemachers, dem hochgeschätzte Werke wie „Love Exposure“, „Cold Fish“ oder „Why Don't You Play in Hell?“ angehören, begeistert schon seit Jahren Cineasten aus allen Teilen der Welt. Mit „Prisoners of the Ghostland“ gibt der 59-Jährige nun sein englischsprachiges Debüt. Als Hauptdarsteller hat sich Sono gleich einen Herren geangelt, der die wohl perfekte Wahl ist, um den genreübergreifenden Wahnsinn des Regisseurs erfolgreich zu bändigen: Nicolas Cage. Der Oscar-Preisträger hat in seiner weitumfassenden Karriere als Schauspieler bereits zigfach sein Talent fürs Schrille und Außergewöhnliche unter Beweis gestellt. Auf dem Papier hört sich die Zusammenarbeit zwischen den zwei Eigenbrötlern dementsprechend nach einer absoluten Bereicherung für die Welt des Kinos an. Und siehe da: auch in der Umsetzung trägt diese Früchte. Cage und Sono verschmelzen gemeinsam zu etwas ganz Besonderem.

    Der eigentliche Plot des knapp 100-minütigen Filmspektakels lässt sich nur schwer zusammenfassen. Nicolas Cage verkörpert Hero, einen ehemaligen Kleinkriminellen, der wegen eines schiefgegangen Banküberfalls eine mehrjährige Haftstrafe absitzen musste. Eines Tages erteilt ihm der Governor (Bill Mosely), das Quasi-Oberhaupt der in Neon-Farben getränkten Samurai Town, einen Auftrag. Er soll innerhalb von wenigen Tagen Bernice (Sofia Boutella), eine der Töchter des Governors, aus dem mysteriösen Ghostland befreien und zurück in die Obhut ihres Vaters bringen. Sollte Hero die Herausforderung meistern, wird ihm im Gegenzug die Freiheit geschenkt. Falls es ihm jedoch nicht gelingen sollte, muss er mit folgenschweren Konsequenzen rechnen. Der Lederanzug, der Hero übergezogen wurde, ist nämlich mit gefährlichen Bomben versehen, die nach Ablauf der vorgegebenen Zeit beziehungsweise bei jeder falschen Bewegung zu explodieren drohen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem das ein oder andere Blutbad kaum zu vermeiden ist.

    Sono hat für sein englischsprachiges Debüt gleich mehrere Genres erfolgreich miteinander vermischt. Nahtlos springt er zwischen Italowestern, Samurai-Actioner und Endzeitfilm hin und her. Auf der einen Seite zieht Sono mit dem amüsant-überspitzten Ton seines Films geläufige Klischees und Tropen westlicher Genre-Filme durch den Kakao. Andererseits spürt man beim Schauen Sonos unverkennbare Liebe fürs amerikanische Genre-Kino, weshalb die parodistischen Elemente auch als liebevolle Hommage gelesen werden können.

    Jedenfalls wird vor allem in der Inszenierung schnell klar, wie sehr Sono die Funktionsweisen der verschiedensten Genres beherrscht. Samurai Town erinnert in der visuellen Aufmachung an die Kleinstädte klassischer Western, die mit der knallbunten und hyperstilisierten Ästhetik eines Samuraifilms gepaart wurde. Das von einer nuklearen Katastrophe gezeichnete Ghostland erinnert in seinem von Ödland und Zombiewesen umgebenen Chaos hingegen stark an postapokalyptische Streifen á la „Mad Max“. Auf rein audiovisueller Ebene lässt sich dem Film kaum etwas vorwerfen. Das Setdesign ist prachtvoll gestaltet und in satten Farben getränkt (das Bild eines mehrmals auftauchenden Kaugummiautomaten bleibt besonders im Kopf hängen), die Actionsequenzen sind meisterhaft foto- wie auch choreografiert und der Score harmoniert stets mit dem Gezeigten. Eine essentielle Kampfszene wird gar passend von Jim Croces Evergreen „Time in a Bottle“ begleitet.

    Was das eigentlich Erzählte betrifft, werden sich die Geister an „Prisoners of the Ghostland“ gewiss scheiden. Die einen werden Sonos neuesten Film als sinnbefreiten Quatsch abtun, der sich in seinem eigenen Wahnsinn suhlt, anstatt kohärent eine Geschichte zu erzählen. Andere werden hingegen subversive Kritik an den USA und amerikanischer Ausbeutung asiatischer Stilmittel erkennen. Wer sich zudem emotional auf die (bei genauerer Beobachtung) tragischen Schicksale einzelner Figuren einlassen kann, wird im Finale mit wohltuender Katharsis und so manch ungeahnt melancholischem Moment belohnt.

    Unabhängig davon, ob das Erzählte für einen funktioniert oder nicht, lässt sich der generelle Unterhaltungsfaktor kaum leugnen. Es macht großen Spaß Nicolas Cage dabei zuzuschauen, wie er sich auf ein zu kleines Fahrrad zwingt oder lauthals das Wörtchen „Testicles“ durch die Gegend brüllt. Auch Bill Mosely kann als Governor mit einer wunderbar kauzigen Performance auftrumpfen.

    „Prisoners of the Ghostland“ wird die Gemüter mit großer Sicherheit spalten. Viele werden schon nach dem zugeben gewöhnungsbedürftigen Anfang geistig aussteigen und erst gar nicht mehr hineinfinden. Wer sich aber auf Sion Sonos neueste Kuriosität einlassen kann, bekommt hier eine spektakuläre Samurai-Western-Apokalypse geboten, die gleichermaßen unterhält wie überwältigt. Der pure Wahnsinn!