Filmkritik zu Pleasure

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  • Bewertung

    Dekonstruktion der Pornoindustrie

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Unter allen Filmbeiträgen des diesjährigen Sundance Film Festival, war Ninja Thybergs Drama „Pleasure“ bestimmt eines der mutigsten und ebenso verstörendsten. Die schwedische Regisseurin knüpft damit an ihren gleichnamigen Kurzfilm von 2013 an, der ebenfalls in der Erotikfilmindustrie spielt, verlegt die Handlung aber nach Los Angeles, das als Produktions-Hotspot für Pornofilme gilt. Im Mittelpunkt des schonungslosen Blicks auf die Welt der Erwachsenenfilme steht Newcomerin Sofia Kappel in ihrer ersten Schauspielrolle. In weiteren Rollen sind größtenteils Personen zu sehen, die tatsächlich mehr oder weniger im Pornogeschäft tätig sind, unter anderem die Branchengröße Mark Spiegler, der mit „Spiegler Girls“ eine der renommiertesten Porno-Agenturen leitet. Kurz nach seiner Uraufführung beim Sundance Film Festival, hat sich der Filmvertrieb A24 die Rechte an dem Werk gesichert. Ob des extrem expliziten Inhalts und der rohen Darstellung sexueller Gewalt, kündigte A24 an, den Film in zwei Versionen veröffentlichen zu wollen, einmal ungeschnitten, einmal in einer zensierter Fassung.

    „Pleasure“ begleitet die 19-jährigen Schwedin Linnéa, die sich selbst Bella Cherry nennt, nach ihrer Ankunft in Los Angeles. Bella ist hier, um ihren großen Traum zu erfüllen: Der nächste große Pornostar zu werden. Nach ihrem allerersten Dreh postet sie provokant laszive Fotos von sich auf in sozialen Netzwerken, überzeugt davon dort angekommen zu sein, wo sie hingehört. Doch schon bald hegt sie Zweifel, ob ihre Karrierewahl die richtige war. Die überfüllte Wohngemeinschaft voller angehender Pornodarstellerinnen zehrt an ihren Nerven und Rollen sind heiß umkämpft. Nach einer besonders traumatischen Erfahrung bei einer Filmaufnahme, wird Bella ihre Ohnmacht gegenüber den Machthabern der Industrie bewusst und sie ist kurz davor nach Schweden zurückzukehren. Doch ein letzter Versuch sich bei den Business-Größen bemerkbar zu machen, scheint ihr schlagartig einen Karrieresprung zu versprechen.

    Hauptdarstellerin Sofia Kappel, die sich ohne jegliche Schauspielerfahrung auf diese schwierige Rolle eingelassen hat, gelingt in „Pleasure“ eine furchtlose und authentische Darbietung, die bestimmt sehr viel Mut gekostet hat. Mit einem sachlichen, beinahe klinischen Blick auf die Sexualität der Charaktere wird das Gezeigte weder skandalisiert, noch romantisiert, während er den Zusehern Glanz- und Schattenseiten der artifiziellen Industrie vor Augen führt.

    Der Film ist keine leichte Kost und will es auch nicht sein. Viel mehr wird dargestellt, wie schnell die Grenzen zwischen Einverständnis und Missbrauch verwischen können, wenn man sich allein als Frau an einem Set mit lauter Männern wiederfindet und wie sehr die Branche von patriarchalischen Machtstrukturen geprägt ist. Diese unverhohlene Misogynie kommt insbesondere in einer der härtesten Szenen des Films zum Tragen, in der sich Bella während eines Hardcore-Drehs trotz ihres Einspruchs von den männlichen Beteiligten emotional erpresst fühlt weiterzumachen, ein Erlebnis, an dem sie fast zerbricht. Um Bellas Eindrücke im Zuge der Filmaufnahmen noch besser nachvollziehen zu können, wechselt die Kameraeinstellung während dieser häufig in eine Point-of-View-Ansicht, die ungeschönt die männliche Dominanz gegenüber der weiblichen Unterwerfung abbildet. Diesen traumatischen Erfahrungen der Protagonistin stehen Aufnahmen echt freudiger Momente entgegen: Mädelsabende mit ihren Mitbewohnerinnen zeigen Bella in ehrlichen Augenblicken, die bewusst machen, dass sie eine junge Frau ist, die eigentlich nach Anerkennung und Akzeptanz strebt. Darauf folgen aufgedrehte Partynächte, die ihr die scheinbar glamouröse Seite der Erotikindustrie aufzeigen, der sie so dringend angehören will. Während sich Mitstreiterinnen aus Mangel an Perspektiven zur Arbeit genötigt sehen, sieht sich Bella keineswegs als Opfer, sondern entscheidet sich wieder und wieder dafür, diesen Weg zu gehen. Dass sie dabei immer mehr von sich selbst aufgeben muss, wird ihr allerdings erst mit der Zeit richtig bewusst.

    Trotz seines plakativen Titels, „Pleasure“, zu Deutsch Vergnügen, bereitet der Film den Zusehern eher weniger, und sollte auch mit Vorsicht angesehen werden, da er von vielen gewiss als verstörend und potentiell retraumatisierend empfunden werden kann.

    Ein aufwühlendes und realistisches Porträt einer facettenreichen Erotikfilmindustrdas einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird!
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    (Julia Pogatetz)
    13.02.2021
    20:38 Uhr