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  • Bewertung

    Blinde Rache

    Exklusiv für Uncut
    Im Spätsommer 2016 veröffentlichte Horror-Regisseur Fede Alvarez („Evil Dead“-Reboot) mit „Don't Breathe“ einen hochspannenden Psychothriller, der das altbewährte Prinzip der Home-Invasion geschickt umkehrte. In dem Fall war es nämlich nicht das Trio an Einbrecher*innen, das im Film für Furcht und Schrecken sorgte, sondern tatsächlich der anfangs unscheinbare blinde Veteran, dessen Haus das Ziel des geplanten Diebeszugs war. Der von Genremeister Sam Raimi („Evil Dead“-Reihe) coproduzierte Horrorstreifen entwickelte sich an den weltweiten Kinokassen zum großen Überraschungserfolg und durfte auch seitens der Kritiker viel Lob einheimsen. Eine mögliche Fortsetzung war daher nur eine Frage der Zeit. Der Erzählwinkel, den sich das Horror-Sequel ausgesucht hat, wird viele Zuseher*innen aber wahrscheinlich eher verdutzt zurücklassen. Der blinde Mann, der im ersten Teil noch als unheimlicher Antagonist mit reichlich Leichen im Keller etabliert wurde, wird in der Fortsetzung nämlich zum (Anti-)Helden der Geschichte umgemünzt. Kann dieser, zugegeben fragwürdige, Erzählansatz denn überhaupt funktionieren? Mehr dazu gleich.

    Der Horrorthriller setzt ganze acht Jahre nach den Ereignissen des Vorgängerfilms an und rückt Norman Nordstrom (Stephen Lang), den gemeingefährlichen Veteranen, der damals ein Einbrechertrio terrorisiert hatte, in den Vordergrund. Mittlerweile verbringt der blinde Mann seine alten Tage in einem Detroiter Vorort entfernt vom klassischen Alltagstrubel der Gesellschaft. Die einzigen Gesprächspartner in seinem Leben: sein Rottweiler Shadow und das 11-jährige Waisenkind Phoenix (Madelyn Grace), das Norman vor ein paar Jahren bei sich aufgenommen hatte. Als Phoenix eines Tages ins Visier einer Gruppe Kidnapper gerät, begibt sich der Veteran auf einen Rachefeldzug, der Instinkte in ihm weckt, die er eigentlich in der Vergangenheit ruhen lassen wollte. Die Entführer müssen bald feststellen, dass sie sich mit der falschen Person angelegt haben.

    Fede Alvarez, der den ersten Teil so bemerkenswert und voller geschickt platzierter Spannungsmittel inszenierte, wechselt für die Fortsetzung in die Produktion und überlässt einem kompletten Regieneuling den Hauptposten: Rodo Sayagues. Sayagues hat hier handwerklich durchaus solide Arbeit geleistet, das erfahrenere Auge von Alvarez wird aber schmerzlich vermisst. Die Spannungskurve bleibt über weite Strecken flach und erreicht nicht im Ansatz die Höhen seines Vorgängers. Am besten funktioniert „Don't Breathe 2“ tatsächlich dann, wenn der Film zum astreinen Rachetriller mit überraschender B-Movie-Qualität mutiert und seine Hauptfigur in unbändigen Blutrausch versetzt. Die Kills sind hart und schonungslos, machen in ihrer deutlich weniger seriösen Herangehensweise aber auch ungemein viel Spaß. Genrefans sollten sich am finalen Gemetzel und einem gar nicht mal uninteressanten Twist erfreuen. In vielen Momenten wirkt das Sequel aber auch schlichtweg belanglos und schafft es nicht wirklich, den problematischen Erzählwinkel zu rechtfertigen. Zwar wird der innere Konflikt der Hauptfigur immer wieder thematisiert und durch scheinbare Reue überspielt, das moralische Dilemma der Grundprämisse löst sich aber dadurch auch nicht in Luft auf.

    Als Rachethriller ohne doppelte Böden bietet „Don't Breathe 2“ solide Genreunterhaltung mit ein paar spaßigen Gemetzel, die blutdürstige Horrorfans bei der Stange halten sollten. Als direkte Fortsetzung bleibt der Film jedoch klar hinter seinen Möglichkeiten zurück und verstrickt sich in eine unglücklich gewählte Rahmenhandlung, deren Sinnhaftigkeit in Anbetracht der Ereignisse von Teil eins zu hinterfragen ist. Schade drum.