Filmkritik zu Luca

Bilder: The Walt Disney Company Fotos: The Walt Disney Company
  • Bewertung

    Fish Out of Water – Italian Style

    Exklusiv für Uncut
    In seiner knapp 35-jährigen Studiogeschichte hat Animationsgigant Pixar bereits so manchen Dingen Leben eingehaucht. Ob nun Spielzeuge, Müllroboter, Autos, menschliche Emotionen oder zuletzt unsere Seelen – die Tochterfirma Disneys hat sich dafür einen Namen gemacht, leblose Gegenstände oder gar abstrakte Konstrukte zum Leben erwachen zu lassen. Pixar ist es zudem auch schon mehrmals gelungen, tierische Lebewesen wie Insekten, Fische oder Ratten zu vermenschlichen. Mit ihrem neuestem Film „Luca“ taucht Pixar nach „Findet Nemo“ und dessen Fortsetzung schon zum dritten Mal in die wunderbare Welt der Meere ein. Statt klassischen Meereslebewesen stehen hier jedoch Seemonster im Vordergrund. Die Vermenschlichung findet diesmal nicht nur im übertragenen Sinne statt, sondern geschieht gleich buchstäblich. Betreten die Seemonster nämlich die Oberfläche, nehmen sie menschliche Gestalt an.

    Die Rahmenhandlung des neuen Pixar-Abenteuers spielt sich im sommerlichen Italien der 1950er ab. Luca Paguro (Originalstimme: Jacob Tremblay) ist ein 13-jähriger Seemonster-Junge, der gemeinsam mit seiner Familie in den Gewässern an der italienischen Riviera lebt. Obwohl ihn seine Eltern davor warnen, zur Meeresoberfläche vorzudringen, weckt die dem Teenager zunächst noch unbekannte Welt der Menschen seine Neugier. Als er dann auch noch auf das ähnlich altrige Seemonster Alberto (im Originalton: Jack Dylan Grazer) trifft, der schon öfters zu Land unterwegs war, geht er das Wagnis tatsächlich ein. Was ihm zuvor nicht bewusst war: sobald Seemonster das Wasser verlassen, verwandeln sie sich selbst in Menschen. Nach ein paar Startschwierigkeiten erkundet Luca gemeinsam mit seinem neuen Freund den Küstenort Portorosso und findet schnell Gefallen am idyllischen Dorfleben im sonnigen Italien. Besonders angetan zeigt sich der Junge von der Vespa, dem zur italienischen Stilikone erhobenen Motorroller. Um an das Geld für eine waschechte Vespa heranzukommen, melden sich Luca und Alberto für einen lokalen Triathlon an, bei dem den Gewinner*innen ein saftiges Preisgeld winken soll. Mit Unterstützung ihrer neuen Freundin, der quirligen Italienerin Giulia (Emma Berman), wollen sie sich im Wettbewerb gegen den selbstverliebten Dorftyrann und mehrfachen Triathlon-Sieger Ercole Visconti (Saverio Raimondo) durchsetzen. Blöd nur, dass ein paar wenige Wassertropfen genügen, um die beiden in ihre eigene Gestalt zurückverwandeln zu lassen und die Dorfbewohnerschaft Seemonster als gefährliche Ungeheuer betrachtet.

    Nachdem sich Pixar unlängst mit dem Oscar-prämierten Film „Soul“ noch erstaunlich erwachsenen Themen wie der menschlichen Vergänglichkeit oder der Frage nach dem persönlichen Lebenszweck annahm, kommt „Luca“ im direkten Vergleich wieder um einiges kinderfreundlicher daher. Das soll nun aber gewiss kein Kritikpunkt sein. Nein, oft liegt nämlich genau in der Simplizität einer Geschichte der Reiz. Dem Studio Pixar ist mit seiner 24. Langfilmproduktion ein liebenswertes Sommermärchen gelungen, das Groß und Klein gleichermaßen verzaubern sollte. Der Animationsstil macht einen für Pixar-Verhältnisse relativ ungewohnten Eindruck. Gerade das Charakterdesign der einzelnen Figuren wirkt simpel gehalten und beinahe cartoonhaft. Die bewusste Einfachheit der Gesichter lässt einen als Zuschauer*in umso mehr die wunderbar animierte Szenerie im Hintergrund bestaunen. Die rustikale Architektur des italienischen Dörfchens, das sommerlich sonnige Ambiente, die türkisblaue Farbe des Meeres: das Publikum wird vom traumhaft schönen Look des Films regelrecht bezirzt und fühlt sich wohl an eigene Sommerurlaube zurückerinnert.

    Auch der leichtfüßige Humor des Films weiß zu entzücken. Dass der tatsächlich aus Italien stammende Regisseur Enrico Casarosa („La Luna“) Klischees mit einem großen Augenzwinkern serviert und sich gleichzeitig mit liebevollen Referenzen vor der Filmkunst seines Landes verbeugt, macht das Ganze umso charmanter. Die Story selbst ist meilenweit entfernt von der emotionalen Komplexität und Reife vorangegangener Pixar-Werke wie „Inside Out“, der „Toy Story“-Reihe oder den eingangs erwähnten „Soul“, aber in seiner sympathischen Entspanntheit überaus effektiv erzählt. In seinem simplen Fokus auf die Freundschaft der beiden Seemonsterjungen und deren gemeinsamen Sommer weckt der Film momentweise gar Erinnerungen an kinderfreundlichere Frühwerke des legendären Studio Ghibli. Wie es im Kino schon seit dem frühen Universal-Horrorklassiker „Creature from the Black Lagoon“ der Fall ist, wird das Seemonster auch hier zum Symbol der Überwindung von Vorurteilen und Intoleranz. Eine mögliche Interpretation im Sinne der LGBTQ+-Bewegung lässt sich auch kaum von der Hand weisen, ähnelt der Film doch allein schon in seiner visuellen Aufmachung sommerlichen LGBT-Romanzen der letzten Jahre.

    Die wenigen Szenen, die sich in der Unterwasser-Welt abspielen, sind aber leider bei weitem nicht so charmant und einfallsreich geraten, wie jene, die sich im italienischen Dorf abspielen. Immerhin sorgt der schrille Familienonkel Ugo (im Original: Komiker Sacha Baron Cohen) in diesen Szenen für die notwendigen Lacher.

    Zwar reicht Pixars „Luca“ nicht an die Meilensteine des Erfolgsstudios heran, überzeugt aber gerade durch seine sommerliche Leichtigkeit und den italienischen Esprit. Charmant, gewitzt und wundervoll animiert: selbst ein vergleichsweise kleines Werk im Katalog Pixars kann große Freude bereiten!