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    Martial-Arts im Marvel-Universum

    Exklusiv für Uncut
    In den vergangenen Jahren war man im Marvel Cinematic Universe (kurz: MCU) primär daran versucht, bereits etablierte Heldenfiguren in Fortsetzungen oder Ensemble-Filmen aufeinandertreffen und im gemeinsamen Kampf gegen das Böse zu einer Einheit verschmelzen zu lassen. Neuzugänge waren im Avengers-Kosmos abseits von Brie Larsons Captain Marvel oder den tapferen Kämpfer*innen von Wakanda zuletzt ein rares Gut. Mit der Veröffentlichung von „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ betritt Marvel nun aber bislang unerforschtes Neuland und beschert dem Comicuniversum eine weitere Heldenfigur mit einzigartigen Fähigkeiten. Auf den ersten Blick sollte schon klar werden, dass sich die neueste Origin-Story im Marvel-Katalog vom sonst oft eher faden Comic-Einheitsbrei deutlich abhebt. Hier wurde nämlich der Versuch in die Wege geleitet, waschechte Martial-Arts-Action im Hongkong-Stil mit den bewährten Zutaten eines Superhelden-Blockbusters zu vermischen. Ob dieses Unterfangen geglückt ist?

    Mehr dazu gleich.
    Vorerst aber: worum geht es im Film denn überhaupt?

    Seine Kindheitstage verbrachte Shang-Chi (Simu Liu) in einer abgelegenen Region Chinas und wurde nach dem gewaltsamen Tod seiner Mutter vom eigenen Vater, dem Tausende Jahre alten Wenwu (Tony Leung), einem fordernden Kampfsporttraining ausgesetzt. Papa Wenwu, der auch als „der Mandarin“ bekannt ist, entdeckte einst die mystischen Zehn Ringe, die jeden Träger unsterbllich machen und mit gottgleichen Superkräften bereichern. Da ihm das obsessive Gemüt seines Vaters früher oder später zu viel wurde, floh Shang-Chi mit gerade mal 14 Jahren nach San Francisco, wo er heute unter dem Namen Shaun verweilt. Während er in der Gegenwart einem einfachen Job als Parkwächter nachgeht, versucht er die eigene Vergangenheit als gut gehütetes Geheimnis zu bewahren. Als er und seine beste Freundin Katy (Awkwafina) eines Morgens im Bus am Weg zur Arbeit sitzen, wird der versierte Kampfkünstler von den Schatten vergangener Tage eingeholt. Shang-Chi ist nämlich ins Visier der Terrororganisation seines Vaters geraten.

    Die Eröffnungssequenz macht bereits deutlich, dass hier jemand am Werk gewesen sein muss, der sich nicht nur mit chinesischer Kultur befasst hat, sondern dieser auch den größtmöglichen Tribut zollen möchte. Der japanisch-amerikanische Regisseur Destin Daniel Cretton, der in der Vergangenheit Charakterstudien, wie unter anderem das gefeierte Indie-Drama „Short Term 12“ (2013) oder unlängst die Filmbiografie „Just Mercy“ (2019) inszenierte, scheint auf den ersten Blick eine eher ungewöhnliche Wahl für diese Art Film zu sein. Cretton beweist hier aber, dass er definitiv das nötige Zeug besitzt, einen millionenschweren Martials-Arts-Blockbuster auf die Leinwand zu bannen, der gezeigten Kulturen mit Respekt begegnet und zu unterhalten weiß. Die wohl überraschendste und gewagteste Entscheidung ist, dass in einem beachtlichen Anteil der Dialogszenen des Films tatsächlich auch Mandarin gesprochen wird.

    Vor allem ist es aber die beeindruckend choreografierte Action, die „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ aus dem unästhetischen Einheitsbrei Marvels herausstechen lässt. Insbesondere die Nahkampf-Sequenzen strotzen vor einer greifbaren Intensität, die sonst oft von hässlichen CGI-Bombast zunichte gemacht wird. Anstatt nach jedem Handgriff einen Schnitt zu setzen, bleibt die Kamera zumeist über mehrere Sekunden im Geschehen hängen und verleiht den Kampfszenen dadurch die nötige Dynamik. Das Action-geschulte Auge von Kameramann Bill Pope (Sam Raimis „Spider-Man“-Trilogie, „Baby Driver“, „The Matrix“) war hier bestimmt von Vorteil. Generell ist die Optik des Films erfrischend untypisch für Marvel-Verhältnisse ausgefallen. Mit liebevoll gestalteten Sets, Kostümen und einer überraschend grellen Farbgebung verneigt sich Cretton vor sämtlichen Vorbildern des Wuxia-Kinos.

    Es kommt auch nicht von irgendwo, dass mit Michelle Yeoh und Tony Leung gleich zwei prominente Gesichter des Hongkong-Kinos im Film besetzt wurden. Gerade Leung, der sich für seine zahlreichen Zusammenarbeiten mit Starregisseur Wong Kar-wei international einen Namen gemacht hat, gibt in seinem Hollywood-Debüt eine außerordentlich gute Figur ab und erschafft eine komplexe Version des Mandarin, die nicht dem klassischen Bösewicht-Typus entspricht. Allen voran ist es aber Newcomer Simu Liu, der als der titelgebende Shang-Chi den Film mit reichlich Charisma und Kampfgeist vorantreibt. Die freundschaftliche Chemie zwischen Liu und der Comedy-erprobten Awkwafina ist überaus charmant und liebenswert. In einer Nebenrolle darf auch der Bayrer Florian Munteanu, der vor wenigen Jahren in „Creed 2“ Ivan Dragos gequälten Sohn Viktor, erneut effektiv seine bedrohliche Statur zur Schau stellen.

    Die eigentliche Geschichte ist wenig innovativ und eher überraschungsarm, dafür aber unterhaltsam und packend erzählt. Am Ende verfällt aber leider auch dieser Film der klassischen Marvel-Krankheit: einem schwachen finalen Akt. Gerade hier wäre es von Vorteil gewesen den CGI-Bombast herunterzuschrauben und die finale Schlacht in einen simplen Nahkampf umzufunktionieren. Stattdessen wird hier mal wieder exemplarisch veranschaulicht, dass größer nicht immer gleich besser bedeutet. Die Finesse der vorangegangenen Action-Szenen wird von hässlichen Greenscreen-Spielereien und einer unübersichtlichen Materialschlacht im Keim erstickt.

    Trotz eines enttäuschenden letzten Drittels ist „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ in seiner Gesamtheit wohl einer der einzigartigsten Einträge ins Marvel Cinematic Universe. Handgemachte Asia-Action wird mit klassischen Marvel-Zutaten zu einem aufregenden und unterhaltsamen Sommerblockbuster vermengt, der sich nicht davor scheut, neue Wege zu bestreiten.