Filmkritik zu Old

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Ein Leben im Schnelldurchlauf

    Exklusiv für Uncut
    Die Karriere von M. Night Shyamalan als turbulent zu bezeichnen wäre freilich untertrieben. Wohl kaum ein anderer Regisseur hat derartige Höhen und Tiefen durchlebt wie der 50-jährige Amerikaner mit indischen Wurzeln. Für gefeierte Genre-Werke wie „The Sixth Sense“ (1999), „Unbreakable“ (2000) und „Signs“ (2002) einst noch als „nächster Spielberg“ gehandelt, war spätestens mit der Veröffentlichung von „The Happening“ (2008) ein signifikanter Qualitätsverfall im Schaffen Shyamalans zu erkennen. Der klare Tiefpunkt schien dann mit der 2010 erschienenen Realverfilmung der populären Nickelodeon-Serie „The Last Airbender“ erreicht. Der einst bejubelte Filmemacher war zu einer Punchline verkommen. Da Shyamalan seinen geschädigten Ruf reparieren wollte, entschied er sich Mitte der 2010er, zu seinen Genre-Wurzeln zurückzukehren. Und siehe da: die aus eigener Tasche finanzierte Horrorkomödie „The Visit“ (2015) erwies sich nicht nur an den Kinokassen als voller Erfolg, sondern ließ den verkannten Autorenfilmer zum ersten Mal seit Jahren auch wieder Kritikerlob einheimsen. Mit dem exzellenten Psychothriller „Split“ (2017) sowie dem vielerorts durchwachsen aufgenommenen, aber durchaus interessanten „Unbreakable“-Sequel „Glass“ (2019) setzte Shyamalan seine Siegesstrecke gekonnt fort. In seinem neuesten Werk „Old“ widmet sich der zu alter Stärke zurückgefundene Regisseur einem Konzept, das klingt, als würde es der „Twilight Zone“ entspringen. Im Vordergrund des Horror-Thrillers, der auf dem Schweizer Graphic Novel „Sandcastle“ basiert, steht nämlich ein Strand, der Menschen in Blitzgeschwindigkeit altern lässt.

    Eigentlich wollte Familie Cappa lediglich ein paar entspannte Ferientage gemeinsam in einem Urlaubsresort verbringen. Als Guy (Gael García Bernal) und Prisca (Vicky Krieps) mit ihren jungen Kindern Trent (Nolan River) und Maddox (Alexa Swinton) einen abgelegenen Strand erreichen, ahnen sie noch nicht, dass ihnen der blanke Horror bevorsteht. Mag der Strand auf den ersten Blick noch wie ein wahrhaft paradiesisches Idyll erscheinen, stellt er sich für die Cappas, zwei weiteren Urlauberfamilien und den Rapper Mid-Sized Sedan (Aaron Pierre) schon bald als der pure Alptraum heraus. Spätestens als die Kinder binnen weniger Stunden zu Teenagern (Alex Wolff, Thomasin McKenzie, Eliza Scanlen) heranwachsen, wird deutlich, dass mit dem vermeintlichen Urlaubsparadies etwas nicht stimmt. Der Strand lässt nämlich all seine Besucher*innen in Windeseile altern, bis sie schlussendlich zu Staub verfallen. Jahre werden somit zu Stunden. Die Zeit läuft davon. Ein Entkommen scheint unmöglich.

    Wie die bisherigen Reaktionen bereits zeigen, wird „Old“ das Publikum spalten, wie kaum ein anderer Shyamalan-Film zuvor. So manch einer wird den exzentrischen Horrorthriller als Rückfall auf frühere Problemzonen des Twist-affinen Regisseurs betrachten. Wer aber über so manch Albernheit hinwegsehen kann, wird hier potentiell ein vielschichtiges Genre-Werk erkennen, das man in dieser Originalität und eigensinnigen Form kaum mehr im monotonen Mainstream-Kino Hollywoods zu Gesicht bekommt. Der Ton des Films wechselt zwischen amüsantem Schlock und wahrlich effektiven Schockmomenten hin und her. Eine Gratwanderung, die Shyamalan hier tatsächlich gelingt. Böse Zungen mögen behaupten, dass manche der komödiantischeren Momente eigentlich ernst gemeint waren und aus Versehen unfreiwillig komisch geraten sind. Wer sich aber genauer mit Shyamalan als Mensch und Filmemacher befasst hat, dürfte jedoch bemerkt haben, dass der Mann eine überaus gesunde Portion Selbstironie besitzt. Ein Umstand, der sich auch in seiner eigenen Cameo-Rolle im Film abzeichnet.

    Was „Old“ aber vor allem auf der großen Leinwand zu einem wahren Erlebnis macht ist die virtuose Inszenierung des Thrillers. Selten zuvor schien Shyamalan so viel Kontrolle über jeden Kameraschwenk, jeden Soundeffekt oder jede minutiöse Bewegung seiner Schauspieler*innen gehabt zu haben. Von ausgelutschten Spannungstricks wie Jump-Scares macht der Regisseur glücklicherweise kaum Gebrauch. Stattdessen ist gerade die Kameraarbeit besonders experimentierfreudig ausgefallen. In Zusammenarbeit mit DP Mike Gioulakis kreiert Shyamalan aufwändige, einzigartige Kamerafahrten, die gekonnt Gefühle von Beklemmung, Isolation und purem Terror hervorbringen. Das omnipräsente, aber organisch verwendete Sounddesign, tut dafür das Übrige.

    In den Horrormomenten überrascht der eigenbrötlerische Thriller mit einer Härte, die man einem Film mit PG-13-Rating (gleicht in etwa einem FSK 12) nicht zutrauen würde. Wenn Charaktere mit den Schattenseiten des Altwerdens zu kämpfen haben, kommt ab und an sogar waschechter Body-Horror zum Tragen. Und der hat es in sich! Gerade Szenen, in denen es zu ungewollten Schwangerschaften oder spontanen Tumor-Eingriffen kommt, strotzen nur vor nervenzerfetzender Intensität. Großes Lob gebührt zudem dem Make-Up-Department, das den rapiden Alterungsprozess der Figuren glaubhaft voranschreiten ließ.

    Neben all dem gelungenen Schlock und Terror ist der Film aber genau dann am interessantesten, wenn über menschliche Mortalität reflektiert wird und sich gar Momente von Wehmut auftun. Im finalen Drittel überrascht Shyamalan mit einer emotionalen Nahbarkeit, die wohl nur wenige mit dem Filmemacher assoziieren würden. Gerade die Dynamik zwischen Gael García Bernal und Vicky Krieps, als diese dem unentrinnbaren Tod ins Auge sehen, ist so bewegend und menschlich, wie kaum etwas anderes im Schaffen des „Sixth Sense“-Regisseurs.

    Das Stilmittel des Plottwists wurde über die Jahre zum großen Markenzeichen Shyamalans und kommt selbstverständlich auch im neuesten Streich des lange verkannten Regisseurs wieder zum Einsatz. Während aber die Auflösung an sich einen gewissen Charme hat, wird Shyamalan sein Hang zu überflüssiger Exposition erneut zum Verhängnis. Dem Endresultat hätte es gut getan, übererklärende Momente zu streichen und dem Publikum zumindest ein kleines Maß an Ambiguität offen zu lassen.

    Trotz minimaler Schönheitsfehler ist „Old“ ein Shyamalan, wie man ihn sich lange zurückgewünscht hat. Ein formvollendetes Stück Genre-Kino mit reichlich Witz, Angstschweiß und Mut zum Absurden. Und sind es nicht genau filmische Kuriositäten wie diese, die wir uns in einem von faden Sequels, Remakes und Reboots regiertem Hollywood dringlich herbeisehnen sollten? Im Gegensatz zu seinen Figuren, wird dieser Film womöglich den Test der Zeit bestehen.