Filmkritik zu Mank

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    Auf den Spuren von Rosebud

    Exklusiv für Uncut
    Der damals erst 26-jährige Orson Welles schuf mit seinem 1941 veröffentlichten Regiedebüt „Citizen Kane“ einen unsterblichen Filmklassiker. Obwohl das einflussreiche Drama bis heute als epochaler Meilenstein der Kinogeschichte gilt, liegt der Fokus in den meisten Diskussionen rund um den Film nur auf den schillernden Hauptdarsteller und Regisseur Orson Welles. Oft wird nämlich außer Acht gelassen, dass auch ein gewisser Herman J. Mankiewicz, ein angesehener Drehbuchautor im alten Hollywood, maßgeblich am Skript beteiligt war. Unter dem Titel „Mank“ (der damals gängige Spitzname von Mankiewicz) hat niemand anderer als David Fincher - seines Zeichen einer der bekanntesten und meist respektierten Filmemacher unserer Zeit - dem häufig vergessenen Drehbuchautoren nun ein filmisches Denkmal verpasst. Knapp sechs Jahre nach der Veröffentlichung seines letzten Kinofilms „Gone Girl“ kehrt der Regisseur, der sich für hochspannende Suspense-Thriller wie „Sieben“ und „Fight Club“ oder oscarprämierte Prestige-Dramen á la „The Social Network“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ einen Namen gemacht, endlich wieder zum Spielfilm zurück. In der Zwischenzeit inszenierte der Ausnahmeregisseur für Netflix vereinzelt Episoden der vielfach gepriesenen Seriendramen „House of Cards“ und „Mindhunter“. Netflix ist es auch, die es Fincher ermöglichte, seinen neuesten Spielfilm überhaupt erst finanziert zu bekommen. Tatsächlich handelt es sich bei der komplett in schwarz-weiß gedrehten Spielfilm-Biographie um die bis Dato persönlichste Arbeit des Regisseurs. Das ursprüngliche Drehbuch zum Film wurde nämlich von Finchers Vater, dem Journalisten Jack Fincher, beigesteuert, der schon im Jahre 2003 an den Folgen einer mehrjährigen Krebserkrankung verstarb. Viele Jahre war sein Sohn daran versucht, das Herzensprojekt seines Vaters umsetzen zu können - doch die Studios hielten das Drehbuch für zu nischig und wenig massentauglich, um grünes Licht für die Produktion zu geben. Viele Jahre und ein paar Feinjustierungen am Skript später ist es Fincher mithilfe von Netflix endlich gelungen, das Drehbuch in seiner vollen Pracht zu verfilmen und somit posthum den Herzenswunsch seines verstorbenen Vaters in Erfüllung gehen zu lassen.

    Oscar-Preisträger Gary Oldman („Die dunkelste Stunde“) schlüpft in die Rolle des Herman J. Mankiewicz, ein von seiner Alkoholsucht gezeichneter Drehbuchautor, der in Folge eines Unfalls bettlägerig geworden ist. Anfang der 40er-Jahre bekommt Mankiewicz vom aufstrebenden Hollywood-Jungtalent Orson Welles (Tom Burke) den Auftrag, den Erstentwurf für das Drehbuch seines Regiedebüts zu verfassen. Gerade mal 60 Tage gibt ihm der exzentrische Welles Zeit, um das Skript, aus dem später „Citizen Kane“ werden sollte, fertigzustellen. Mankiewicz hat sich für den Schreibprozess auf eine abgelegene Ranch zurückgezogen und bekommt dort Unterstützung von der britischen Schreibkraft Rita Alexander (Lily Collins) und der aus Deutschland stammenden Pflegerin Freda (Monika Gossmann). Während er nach den passenden Worten fürs Drehbuch sucht, erinnert sich Mank an seine Vergangenheit im Hollywood der frühen 30er-Jahre zurück. Eine Zeit, in der er unter anderem den erfolgreichen Geschäftsmann und Zeitungsverleger William Randolph Hearst (Charles Dance) kennenlernte, der später der titelgebenden Hauptfigur in „Citizen Kane“ als Vorbild dienen sollte. Dabei pflegten Mankiewicz und der Zeitungsmagnat einst noch ein freundschaftliches Verhältnis zueinander, das jedoch aufgrund vielerlei Meinungsverschiedenheiten in die Brüche ging. Besonders war es aber Hearsts deutlich jüngere Geliebte, die Hollywood-Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried), mit der sich Mank stets blendend verstanden hatte. Je mehr sich Mank zurückerinnert, desto mehr werden die eindeutigen Parallelen zwischen Hearst und den machthungrigen Charles Foster Kane erkennbar. Sein Drehbuch wird zu einer eindeutigen Abrechnung mit dem bekannten Verleger, dessen Einfluss der Realisierung des Films noch beinahe in die Quere kommen sollte...
    Gleich vorweg sei klar gesagt: bei „Mank“ handelt es sich mit großer Sicherheit um das bis dato sperrigste Werk im reichhaltigen Schaffen David Finchers. Die Filmbiografie ist nur so gespickt mit Referenzen an das Hollywood der 30er- und 40er-Jahre und setzt diesbezüglich ein gewisses Grundwissen vom Publikum voraus. Zuschauer*innen, die beispielsweise „Citizen Kane“ nicht gesehen haben, dürften Schwierigkeiten dabei haben, gewissen Szenen im Film zu folgen oder viele der zahlreichen Hommagen an Welles' Klassiker zu verstehen. Fincher verzichtet hier gänzlich auf erklärende Details und geht davon aus, dass man bereits vor dem Schauen seines Films mit gewissen Namen aus dem alten Hollywood vertraut sein sollte. Wer jedoch das nötige Vorwissen mitbringt, wird eine helle Freude mit Finchers 131-minütigem Schwarz-Weiß-Drama haben.

    Wie bereits erwähnt lassen sich zahlreiche Anleihen an Klassiker des frühen Hollywoods wiederfinden, die teilweise so subtil versteckt sind, dass selbst die größten Connaisseure klassischer Filmgeschichte bei der ersten Sichtung nicht auf Anhieb alle Anspielungen entdecken werden. Insbesondere ist es aber natürlich „Citizen Kane“, der nicht nur in der Handlung eine wichtige Rolle spielt, sondern auch andauernd visuell und narrativ referenziert wird. Wenn denn nun beispielsweise einem betrunkenen Mank die Alkoholflasche aus der Hand fällt, ist das aus einer ähnlichen Kameraperspektive heraus gefilmt, wie Charles Foster Kanes legendäre Todesszene, in der diesem die Schneekugel aus der Hand fiel. In der Struktur lassen sich ebenfalls einige Parallelen zwischen Finchers Biografie und Welles' meisterhaften Epos entdecken. Auch hier besteht ein Großteil des Films aus Rückblenden, die stückweise weitererzählt werden, während in der Gegenwart alte Bekannte des Protagonisten zum Vorschein kommen.

    „Mank“ ist jedoch keine einzige Aneinanderreihung loser Filmzitate, sondern weiß auch für sich alleinstehend als tiefgreifende Charakterstudie zu funktionieren. Ohne Verlass auf manipulativen Kitsch wird Mankiewiczs tragischer Zerfall und der immer besorgniserregender werdende Alkoholkonsum bewegend und menschlich nacherzählt. Ein reines, biederes Drama ist der Film jedoch gewiss nicht. Nein, tatsächlich ist es eben genau das zynische Gemüt der Hauptfigur, das so einige Lacher parat hält. Vor allem die Rückblenden machen in ihrer anfänglichen Leichtfüßigkeit viel Spaß und bieten einiges an cleverer Situationskomik.

    Die breite Palette an Emotionen, die die Figuren im Laufe des Films durchleben, werden von der herausragenden Besetzung äußerst glaubwürdig wiedergegeben. Gary Oldman präsentiert sich einmal mehr als Mann mit großer Hingabe zur Schauspielkunst und erschafft ein wehmütiges Porträt eines hochtalentierten Mannes, der immer wieder von seinen eigenen inneren Dämonen zu Fall gebracht wird. An dessen Seite beeindruckt Amanda Seyfried („Mamma Mia“, „First Reformed“) mit der wahrscheinlich bisherigen Glanzleistung ihrer Karriere. Obwohl die Auftritte ihrer Figur nur von kurzer Dauer sind, mimt Seyfried die junge, aufstrebende Darstellerin Marion Davies, mit außergewöhnlicher Natürlichkeit. Vor allem ein Gespräch, das sich während eines nächtlichen Spaziergangs zwischen Davies und Mank entwickelt, entpuppt sich als einer der ungeahnt zärtlichsten Momente im Film und lässt Seyfried zur Höchstform auflaufen. Die Nebenbesetzung wird durch kaum minder überzeugende Schauspielleistungen wie Charles Dances herrlich aufgeplusterte Darstellung des cartoonhaften William Hearst, Lily Collins' einfühlsames Porträt der Schreibgehilfin Lily Alexander und Tom Burkes erschreckend realitätsnahe Imitation des legendären Orson Welles ergänzt.

    Neben all der bisher erwähnten Aspekte, ist Finchers biographisches Drama auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem früheren Hollywood-System. Finchers filmische Zeitkapsel zeichnet das Abbild einer Traumfabrik, in der kapitalistische Gier und aufgeplusterte Selbstbeweihräucherung an der Tagesordnung stehen (in gewisser Hinsicht also ähnlich wie es noch heute der Fall ist). Die damals anti-liberale Haltung der Filmindustrie war es, die der sozialistisch geprägte Herman Mankiewicz besonders ablehnte. Progressive Inhalte wurden durch propagandistische Werbespots als vermeintlicher Kommunismus ausgegeben, um eine mögliche
    Wählerschaft abzuschrecken. Verdeutlicht wird dies hier durch den im Film auftauchenden demokratischen Gouverneurs-Kandidaten Upton Sinclair, der einem heutigen US-Politiker wie Bernie Sanders nicht unähnlich ist.

    Trotz der kritischen Sicht auf ein korruptes Hollywood, versprüht der Film zu jeder Sekunde eine unübersehbare Liebe fürs Kino, die sich vor allem anhand der bezaubernden Schwarz-Weiß-Optik bemerkbar macht. Die wunderbar durchkomponierten Bilder von Kameramann Erik Messerschmidt erzeugen ein Flair, das die dargestellte Hollywood-Ära passend einfängt. Um das Gefühl eines wahrhaftigen Films der Anfänge Hollywoods nachzuempfinden, wurden ins Bild gar absichtliche Störungen eingebaut, die den Eindruck einer scheinbar abgetragenen Filmrolle erwecken lassen. Detailgetreue Setbauten und ein schwungvoller Score von Trent Reznor und Atticus Ross sorgen für den zusätzlichen Esprit.

    Der ein oder andere Welles-Purist mag sich vielleicht daran stören, dass es Fincher hier so aussehen lässt, als hätte Mankiewicz mehr zum Drehbuch von „Citizen Kane“ beigetragen, als der Regisseur selbst. Wer aber darüber hinwegsehen und eine nötige Begeisterung für frühe Hollywood-Geschichte aufbringen kann, bekommt mit „Mank“ einen filmischen Leckerbissen der Sonderklasse serviert. Fincher hat hier ein vielschichtiges Werk geschaffen, das zur selben Zeit ein tragisches Charakterdrama, eine zynische Abrechnung mit den korrupten Mechanismen Hollywoods und ein Liebesbrief an die unsterbliche Kraft des Kinos geworden ist. Großartig!