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  • Bewertung

    Brave Mädchen tun das nicht

    Exklusiv für Uncut
    In schwierigen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, greift man vor allem gerne auf leichte und erheiternde Feel-Good-Movies zurück, die uns daran erinnern, nicht immer alles so ernst nehmen zu müssen. Mit viel Herz und einer unglaublich charmanten Hauptdarstellerin erzählt die Coming-of-Age-Komödie „Yes, God, Yes“ von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens in einer konservativ-katholischen Umgebung.

    Das Langspielfilmdebüt von Karen Maine feierte seine Premiere am South by Southwest Festival 2019 und basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm der Regisseurin, nachdem die Komödie Anfang November endlich auch in deutschsprachigen Kinos hätte starten sollen, wurde der Release erneut wegen der Corona-Situation verschoben. Die Rolle der unerfahrenen Protagonistin Alice wird von Jung-Aktrice Natalia Dyer dargestellt, die den meisten wohl durch die Rolle der Nancy Wheeler im Netflix-Hit „Stranger Things“ ein Begriff sein dürfte.

    Wir schreiben das Jahr 2000: Das Internet steckt noch in den Kinderschuhen und ist weit weniger komplex als es heute der Fall ist, Mobiltelefone sind wenig verbreitet und höchstens zum Snake-spielen ein guter Zeitvertreib. Die 16-jährige Alice besucht eine katholische High School, der Sexualunterricht besteht aus Abstinenzpredigten, Homophobie und Drohungen von der ewigen Verdammnis. Alice hadert mit diesem schwierigen Zugang zum Thema Sexualität, das unerfahrene Mädchen versucht sich an Cyber-Sex, immer wieder kommt ihr jedoch das durch die Religion indoktrinierte schlechte Gewissen in die Quere. Als sie nach dem Wochenende in die Schule kommt, hört sie von einem schwerwiegenden Gerücht, das jemand über sie und einen Klassenkollegen in die Welt gesetzt hat. Nachdem die strenge Lehrerin Mrs. Veda Wind von dem Gerücht bekommt, ermahnt sie Alice wieder auf den rechten Weg zu finden und schlägt ihr dafür das Kirkos-Kirchenlager vor. Doch auch durch das Gruppenbeichten, Teamübungen und gemeinsame Gebete dort findet Alice keine Ruhe vor ihren unterdrückten sexuellen Gefühlen, viel mehr wird ihr die Doppelmoral und die Heuchelei der Glaubensgemeinschaft vehement vor Augen geführt.

    Obwohl Hauptdarstellerin Natalia Dyer im Jahr 2000 gerade mal fünf Jahre alt gewesen wäre, fügt sie sich gekonnt in die Szenerie der damaligen Zeit ein und avanciert ob ihres Charmes und ihrer gewinnenden Naivität zur eindeutigen Sympathieträgerin, der es gelingt den Film, vor allem in seinen etwas schwächeren Momenten, beinahe alleine zu tragen.

    Die Prämisse des Films ist ungewöhnlich und gleichzeitig eine Art Neuheit, denn zumeist sind Filme, die streng gläubige Glaubensgemeinschaften skizzieren, eher dem Dramagenre untergeordnet. Auch die berechtigte Kritik an der Scheinheiligkeit vieler vermeintlich Gläubigen ist ein erfrischendes Merkmal, diese könnte allerdings sehr viel tiefer gehen und verliert sich gegen Ende des Films leider ein wenig in die Belanglosigkeit.

    Ein kurzweiliger, unterhaltsamer, spaßiger Film, der es zwar nicht schafft, tiefgreifend die Maske bigotter Religiosität zu enttarnen, aber zumindest an deren Oberfläche kratzt.
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    (Julia Pogatetz)
    05.12.2020
    21:39 Uhr