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    Anarchische Antihelden-Power á la James Gunn

    Exklusiv für Uncut
    Das DC Extended Universe (DCEU) hatte es bisher nicht wirklich leicht. Die von Warner Bros. produzierten Filme des Comicgiganten standen die meiste Zeit im Schatten des deutlich populäreren Marvel Cinematic Universe (kurz: MCU) und konnten bis Dato nur selten an die Erfolge der Konkurrenz anknüpfen. Gerade in Puncto Qualität musste sich das filmische Schaffen DCs, abseits von wenigen positiven Ausreißern wie „Shazam“ (2019) oder dem ersten „Wonder Woman“ (2017), den oft vergessenswerten, zumeist aber immerhin unterhaltsamen Blockbustern der Marke Marvel geschlagen geben. Insbesondere der mit einer ausgezeichneten Trailerkampagne beworbene „Suicide Squad“ erwies sich als herbe Enttäuschung und ließ Fans aus aller Welt Vertrauen in die Zukunft des Franchise verlieren. Umso verwunderlicher war demnach die Ankündigung, dass der katastrophale Antiheldenklamauk aus dem Jahre 2016 eine Fortsetzung bekommen sollte. Als dann jedoch bekannt wurde, dass kein Geringerer als James Gunn die Regie übernehmen würde, verwandelte sich bei vielen die anfängliche Skepsis in Neugier. Dass es sich bei „The Suicide Squad“ ohnehin um keine direkte Fortsetzung, sondern vielmehr ein Soft-Reboot mit nur wenigen wiederkehrenden Figuren aus dem Vorgängerfilm handeln sollte, sorgte für noch mehr Erleichterung unter Fans. Gunn, der seine Karriere einst als Lloyd Kaufmans Schützling in der berüchtigten Low-Budget-Filmfirma Troma begann, konnte seine Comic-Affinität in der Vergangenheit bereits gekonnt unter Beweis stellen. Für DCs Hauptkonkurrenten Marvel inszenierte und schrieb der Genre-versierte Regisseur nämlich die zwei äußerst unterhaltsamen „Guardians of the Galaxy“-Filme, die in ihrer rotzfrechen, eigensinnigen Machart aus der homogenen Masse des MCU deutlich herausstechen. Für seinen Ausflug ins DC Extended Universe wurde Gunn nun aber endlich wieder von den jugendfreundlichen Fesseln Disneys befreit und durfte zu seinen blutdürstigen Urinstinkten zurückkehren. Eine Entscheidung, die sich für alle Beteiligten ausgezahlt hat. „The Suicide Squad“ ist nämlich nicht nur der bislang mit Abstand beste Beitrag im oft eher belächelten DCEU, sondern auch ganz für sich selbst ein Fest für alle Sinne.

    Der eigentliche Plot ist schnell erklärt und dem des Vorgängerfilms im Kern nicht unähnlich: Abermals rekrutiert Amanda Waller (Viola Davis) eine Bande aus Verbrecher*innen und Superschurken mit verschiedensten Kräften und Fähigkeiten aus einem Hochsicherheitsgefängnis und schickt sie in Begleitung von Colonel Rick Flag (Joel Kinnaman) auf eine waghalsige Mission. Das mit dem Namen Task Force X versehene Team soll sich auf die von Guerillas bewohnte Insel Corte Maltese begeben, um dort alle existierenden Infos rund um das geheime Projekt „Starfish“ zu beseitigen. Diesmal unter anderem mit von der Partie: der Söldner Bloodsport (Idris Elba), ein rücksichtsloser Killer mit dem ironischen Namen Peacemaker (John Cena), die Ratten-kontrollierende Bankräuberin Cleo Cazo alias Ratcatcher II (Daniela Melchior), der durch ein Experiment entstellte Polka-Dot Man (David Dastmalchian), der anthropomorphe Riesenhai King Shark (Sylvester Stallone) und natürlich auch wieder die dem Wahnsinn verfallene Ex-Psychiaterin Harley Quinn (Margot Robbie). Ob die chaotische Truppe die schwierige Aufgabe bewältigen kann?

    Mit „The Suicide Squad“ ist James Gunn ein wahres Wunder in der modernen Welt des kommerzialisierten Superheldenblockbusters gelungen: eine Multimillionenproduktion, die stolz die Handschrift seines Schöpfers trägt. Kein explizit auf ein Massenpublikum zugeschnittenes Produkt, sondern das Erzeugnis eines Wahnsinnigen, dem komplette kreative Freiheit gewährt würde. Gunn durfte sich in seinem DC-Baukasten mächtig austoben und seiner verrückten Ader uneingeschränkt freien Lauf lassen. Entstanden ist dabei ein wilder und definitiv nicht kinderfreundlicher Genre-Ritt, der einen Anarcho-Charme versprüht, den man einer Produktion dieser Größe nicht zutrauen würde.

    Ein Blutbad hier, ein zynischer Wortwitz da: der Film lebt sein R-Rating (gleicht hierzulande einem FSK 16 oder 18) aufs Vollste aus. Schon in den ersten zwanzig Minuten überrascht man mit einer Gewaltorgie, die sich wohl kaum jemand in dieser schonungslos brutalen Darstellung erwartet hätte. Obwohl der Antihelden-Blockbuster durch seinen Galgenhumor stellenweise fast in den Nihilismus kippt, gewinnt am Ende trotzdem der unerwartet warmherzige Humanismus des Films die Oberhand.

    Den emotionalen Kern des Films bilden nämlich vor allem die Nebenfiguren, die in den meisten Comicbuchfilmen stark vernachlässigt werden und oft wenig mehr zutun bekommen, als banale One-Liner von sich zu geben. So abstrus Charaktere wie King Shark, Polka-Dot Man oder Ratcatcher auch klingen mögen, so ernst nimmt Gunn sie in der Umsetzung. Selbst eine lächerlich anmutende Figur wie Peacemaker erhält ein unerwartetes Maß an Charaktertiefe und wird von Ex-Wrestler John Cena außerordentlich glaubhaft verkörpert. Ungeahnt politische Züge kommen ebenfalls nicht zu kurz. So wird beiläufig einfach mal Imperialismuskritik verstreut.

    Am Ende ist es aber natürlich der Spaß, der in diesem anarchischen Actionspektakel im Vordergrund steht. Und damit geizt man ganz bestimmt nicht. Die in Zynismus getränkte Comedy birgt eine ultimative Lachgarantie für Liebhaber*innen schwarzen Humors. Egal ob nun schrille Wortgefechte, One-Liner oder die simple Naivität eines überdimensionalen Wiesels: der Wahnwitz des Films weiß köstlich zu amüsieren.

    Auch visuell ist der Antihelden-Streifen den meisten Comicfilmen der letzten Jahre um einiges voraus. Eine knallbunte Bonbon-Optik wird mit wunderschönen, haptischen Sets vermengt, auf den sonstigen Greenscreen-Wahn Hollywoods wird getrost gepfiffen. Und selbst wenn CGI-Effekte zum Einsatz kommen, reihen sich diese organisch in den Mikrokosmos des Films ein und sehen schlichtweg großartig aus. Der Kampf gegen einen gigantischen Kaiju-Seestern lässt sich kaum virtuoser in Szene setzen.

    „The Suicide Squad“ lediglich als „besser als sein Vorgängerfilm“ zu betiteln wäre wohl das Understatement des Jahrhunderts. Nicht nur stellt hier James Gunn alles bisher Dagewesene aus dem DC-Universum in den Schatten, sondern gleich den gesamten Marvel-Katalog mit dazu. Es grenzt an ein Wunder, dass ein derart verspieltes, zynisches und allen voran exzentrisches Anarcho-Spektakel den Weg auf die große Leinwand gefunden hat.

    Ein Wahnsinnsfilm, im wahrsten Sinne des Wortes.