Filmkritik zu Spree

Bilder: RLJE Films Fotos: RLJE Films
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    How to (not) be an influencer – Serial Killer Edition

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Soziale Medien haben unser aller Leben weiterhin fest im Griff – im Kino werden diese aber nur selten ausgiebig thematisiert. Dabei würden die negativen Auswirkungen, die toxische Social-Media-Verhaltensmuster in den vergangenen Jahren auf die Psyche vielerlei (zuhauf junger) Personen hatten, reichlich Gesprächsstoff für einen Film bieten. Eines der wenigen Beispiele der letzten Jahre, das sich diesem komplexen Sujet annahm, war die tiefschwarze Tragikomödie „Ingrid Goes West“ von Matt Spicer, in der anhand einer obsessiven jungen Frau die heutzutage weitverbreitete Sucht nach „Likes“ und „Followers“ satirisch-überspitzt behandelt wurde. Einer ähnlichen Thematik nimmt sich nun auch Regisseur Eugene Kotlyarenko in seiner nagelneuen Horror-Satire „Spree“ an – wenngleich er sogar noch einen Schritt weiter geht und weite Teile seines Films direkt auf den Smartphone-Bildschirmen der Handelnden stattfinden lässt.

    Im Vordergrund der schwarzen Komödie steht der Anfang 20-jährige Kurt Kunkle (Joe Keery), der davon träumt, eines Tages zum einflussreichen Influencer mit einer großen Online-Gefolgschaft zu werden. Seine Brötchen verdient sich der psychopathische junge Mann mit einem Job als Chauffeur bei einem Uber-ähnlichen Mitfahrdienst namens „Spree“. Anstatt aber wie üblich Leute nur herumzukutschieren, hat sich der aufstrebende Social-Media-Star einen Plan überlegt, um durch seinen Job gleich mehr Klickzahlen im Netz zu generieren. In seinem Wagen hat er mehrere Kameras befestigt, mit denen er das regelmäßige Geschehen im Auto für seine Instragam- und Youtube-Gefolgschaft live überträgt. Das Morbide jedoch: jede Fahrt endet in der Regel mit dem Tod der Mitfahrenden, die Kurt durch vergiftete Wasserflaschen ermorden lässt. Da seine Anhängerschaft trotzdem nicht zu wachsen scheint, greift er zu drastischeren Mitteln und fängt an seine Fahrgäste - in der Hoffnung auf Klickzahlen – auf kontinuierlich brutalerem Wege zur Strecke zu bringen. Je höher die Anzahl der Zuschauer*innen und Kommentare wird, umso mehr fühlt sich Kurt in seinem Verlangen nach Online-Aufmerksamkeit zufriedengestellt. Moralische Gewissensbisse bleiben aus.

    Eugene Kotlyarenko wirft in seinem neuesten Film einen herrlich überzogenen Blick auf die kontemporäre Welt der sozialen Medien, in der „Gefällt mir“-Angaben und „Follower“ den guten Ton angeben und als prächtige Trophäen im Profil zur Schau gestellt werden. Wie wenig in diesem oberflächlichen Konkurrenzkampf eigentlich auf die geistige Gesundheit der Nutzenden Rücksicht genommen wird, darauf geht Kotyarenko in seiner Komödie ein. Dabei wird jedoch zumeist – wie es in vielen der besten Satiren der Filmgeschichte der Fall war – auf Subtilität verzichtet und durch eine große Portion Wahnsinn ersetzt, der die Problematik kaum treffender einfangen hätte können. So gelingt dem Film eine seltene Balance zwischen bitterböser Komödie und schockierendem Blick in menschliche Abgründe, der beim Schauen mit voranschreitender Laufzeit stetig schmerzhafter wird, man als Zusehender aber genau deshalb auch kaum wegschauen kann. Ebendieses gefährliche Konsumverhalten, das viele von uns im Netz an den Tag legen, kritisiert Kotyarenko mit seiner Satire auf heftigste und zugleich unangehmste Weise. Wir behaupten, uns würden unmenschliche Schreckenstaten anwidern und abschrecken, dennoch schenken wir diesen in unserer morbiden Schaulust ein Maximum an Aufmerksamkeit und werden somit zum Teil, wenn nicht sogar zur Wurzel dieses Problems.

    Getragen wird all der kaltblütige Wahnsinn, in den der Film Schritt für Schritt kippt, von einem unheimlich überzeugenden Joe Keery in der düsteren Hauptrolle. Der „Stranger Things“-Star schafft es mühelos sein Teenie-Star-Image abzulegen, um die Abwärtsspirale, in die sich Kurt unentrinnbar begibt, mit glaubhafter Psychopathen-Mine darzustellen. Alleinig der ständige zur Kamera gerichtete Dauergrinser (inklusive Peace-Zeichen), der ein Resultat seiner obsessiven Social-Media-Abhängigkeit ist, löst ab einem gewissen Punkt schon Unbehagen im Zuschauer aus. Seine Internetpräsenz hat das Leben von Kurt aka @kurtsworld96 in einem derart besorgniserregendem Ausmaß eingenommen, dass sein tatsächliches Ich bereits von dieser verschluckt wurde. Ergänzt wird die Besetzung unter anderem von einer nicht minder überzeugenden Sasheer Zamata (u.a: „Saturday Night Live“), die die fiktionale Komikerin und Influencerin Jessie Adams mimt, die Kurt einst mit seinem „Spree“-Wagen mitgenommen hatte. In einer Schlüsselszene hält ihre Figur eine ungeahnt fundierte Rede über negative Auswirkungen sozialer Medien, die ihren Inhalt in keiner Weise mit erhobenem Zeigefinger vermittelt, sondern vielerlei Problematiken, die aktuell mit dem Internet einhergehen, punktgenau wiedergibt.

    Die Satire würde jedoch nur halb so gut funktionieren, wäre da nicht die effektive audiovisuelle Aufmachung im Smartphone-Stil, für den sichtlich viel Recherche betrieben wurde. Die gezeigten Inhalte der Handys unserer Protagonisten zeugen von einer erfrischenden Authentizität, wenn es um Darstellungen aktueller Internettrends geht. Hinzu kommt ein pulsierender Soundtrack (bei dem auch der 2007 viral gegangene „Gummy Bear Song“ Einsatz findet), der den Film in seinen ohnehin unangenehmsten Momenten ein zusätzliches Maß an Spannung und Rasanz verleiht.

    So bleibt ein Film übrig, der vermutlich von einigen Leuten als „unrealistisch“ und „zu überspitzt“ abgetan werden wird. Mal ganz davon abgesehen, dass „Spree“ als überzogene schwarze Komödie mit satirischen Spitzen sowieso keinen hundertprozentigen Anspruch auf Realismus besitzt, verbergen sich unterhalb all dieser scheinbaren Abgedrehtheit tatsächlich auch erschreckende Wahrheiten über unser aller Sucht- und Konsumverhalten in den Weiten des Internets.

    Eine brillante Sozial(-Media)satire, die sich stilistisch den Errungenschaften des digitalen Zeitalters bedient und gleichzeitig die bitteren Schattenseiten davon unbequem aber akkurat einfängt.