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    Jäger und Gejagte

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Genndy Tartakovsky gilt als Koryphäe der modernen Animation. Der gebürtige Russe, der mit seinen Eltern im Kindesalter in die USA auswanderte, erlangte Anfang der 2000er-Jahre als Kopf hinter Zeichentrickserien wie der beiden populären „Cartoon Network“-Produktionen „Dexter’s Labor“ und „Powerpuff Girls“ weltweite Bekanntheit. Im letzten Jahrzehnt zeichnete sich der Animator auch noch für die Kreation der ebenfalls von Cartoon Network entwickelten und generell sehr geschätzten Serie „Samurai Jack“ verantwortlich. Nachdem Tartorvsky sich zuletzt mit der „Hotel Transylvanien“-Trilogie einen Abstecher ins Mainstream-Computeranimations-Kino Hollywoods erlaubte, ist das Multitalent nun für klassische 2D-Animationskunst wieder zum kleinen Bildschirm zurückgekehrt. Für den US-Fernsehsender Adult Swim hat Tartorvsky nämlich die prähistorische Animationsserie „Primal“ geschaffen, von der bislang sechs Episoden zu je 22 Minuten Laufzeit veröffentlicht wurden. Wie die Programmplatzierung bei Cartoon Networks deutlich erwachsenerem Tochtersender wahrscheinlich schon vermuten lässt, kann man die Kinderfreundlichkeit von Tartorvskys vorangegangenem Werk hier in keiner Weise wiederfinden. „Primal“ lässt vordergründig mit blutreichen Bildern aufwarten, die aufgrund des verwendeten Mediums der 2D-Animation in ihrer Härte oft unerwartet und schockierend sind. Im Rahmen des diesjährigen SLASH-Festival wurden die ersten vier Folgen der Animationsserie gezeigt.

    Gänzlich ohne Dialog erzählt der Cartoon von der ungewöhnlichen Freundschaft, die sich in einer alternativen Prähistorie zwischen dem Neandertaler Spear und des weiblichen T-Rex Fang entwickelt. Beide verbindet ein ähnlich tragisches Schicksal: sie haben ihre jeweilige Familie durch eine aggressive Horde an Dinosauriern verloren. Gemeinsam sind sie nun dem blanken Überlebenskampf ausgesetzt, der sich aufgrund all der Gefahren, die in ihrer Umgebung lauern, als nicht gerade einfach gestaltet.

    Genndy Tartakovskys „Primal“ ist Visual Storytelling der allerfeinsten Sorte. Ohne auch nur einen kohärenten Dialog gelingt es der Serie just durch seine Bildsprache eine packende Geschichte zu erzählen, deren Kern voller roher Emotion ist. Dadurch, dass im Vordergrund die sich anbahnende Freundschaft zweier Lebewesen, die Ähnliches durchlebt haben, steht, gelingt es der Serie relativ rasch einen stabilen emotionalen Kern aufzubauen. Frei von manipulativem Kitsch erzählen Tartakovsky und sein Team in jeder Folge eine emotional aufwühlende Story voller Herz und Seele. In erster Linie sind es aber die fabelhaften 2D-Animationen, die „Primal“ zu einem regelrecht atemberaubenden Erlebnis machen. Satte Farben, detailliert skizzierte Hintergründe und liebevolle Charakterdesigns – der mehr als nur ansehnliche Look der Serie befüllt die prähistorische Welt, der ihre Figuren zugrunde liegen, mit Leben. Überraschend kommt hingegen die ungemein brutale Gewaltdarstellung, die in ihrer Unberechenbarkeit für den ein oder anderen Schockmoment sorgen dürfte. Die blutigen Gewaltexzesse der Cartoon-Serie verkommen jedoch nicht ausschließlich zur Verwendung von plumpem Schockfaktor. Nein: der Serie gelingt es in den noch niederträchtigsten Momenten seiner Figuren, unerwartete Schönheit zu entdecken. So wird in der dritten Folge gar über das zuvor äußerst brutale Verhalten manch einer Figur sowie der allgemeinen Sinnlosigkeit der gewalttätigen Gemetzel reflektiert. Generell kommt die Serie am Ende jeder Folge zu einer moralischen Erkenntnis, die ihre Figuren reifen lässt und dem Publikum spannende Fragen mit auf dem Weg gibt. Nun könnte man meinen, dass die einzelnen Folgen sich in ihrem Aufbau etwas stark ähneln und in der Form repetitiv werden könnten – nach lediglich vier Episoden fällt diese Kritik jedoch noch nicht allzu schwer ins Gewicht.

    Bislang handelt es sich bei „Primal“ nämlich um ein atemberaubendes Animationsexperiment, das trotz der Wortkargheit seiner Figuren viel zu erzählen hat und dies durch seine wundervoll durchkomponierten und aussagekräftigen Bilder auf gar unvergesslichem Wege tut. Tartakovskys neuester Geniestreich besticht mit einer Symbiose aus eindrucksvollen Animationen, in denen unerwarteter Gewaltgehalt steckt, spannender Konflikte und der berührenden Dynamik zwischen seinen zwei Protagonisten. Prähistorische Animationsunterhaltung par excellence!