Filmkritik zu The World to Come

Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Eine verbotene Liebe

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die Norwegerin Mona Fastvold war in den vergangenen Jahren vor allem als Drehbuchautorin tätig und lieferte so beispielsweise gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Brady Corbet die Grundidee zu dessen Spielfilm „Vox Lux“. Ihre erst zweite Regiearbeit „The World to Come“ feierte ihre Premiere bei den 77. Filmfestspielen von Venedig, wofür Fastvold für den „Goldenen Löwen“ nominiert wurde und den „Queer Lion“ verliehen bekam.

    1856, irgendwo an der Ostküste Amerikas: Abigail (Katherine Waterston) ist verheiratet mit dem teilnahmslosen Dyer (Casey Affleck), die gemeinsame Tochter ist vor kurzem an Diphterie verstorben. Trauer begleitet daraufhin das Leben der jungen Frau, die dem Alltagstrott durch Einträge in ihrem Tagebuch zu entfliehen versucht. Die Ankunft der neuen Nachbarin Tallie (Vanessa Kirby) scheint allerdings frischen Wind in das Leben von Abigail zu bringen. Aus der anfänglich noch zurückhaltenden Freundschaft entwickelt sich bald eine tiefe Zuneigung zwischen den beiden Frauen, deren Idylle vor allem von Tallies kontrollierendem Ehemann (Christopher Abbott) gestört wird.

    „The World to Come“ ist ein äußerst beunruhigender Film. Er beginnt schon bedrohlich, wenn der Wind über eine kalte Winterlandschaft zischt, zwischen den Zweigen kahler Bäume vorbei. Die gezeigten Bilder wirken fast wie aus einem Schauermärchen. Die Hauptdarstellerinnen Katherine Waterston und vor allem Vanessa Kirby überzeugen in Fastvolds Film als zwei Frauen, deren verbotene Liebe im Zentrum der Handlung steht. Wenn diese dann nicht immer den Erwartungen ihrer Männer entsprechen wollen, führt das zu allerhand Konfliktpotential. Rau, kalt, düster: die Landschaft scheint dabei stets die Gefühlslage der Filmfiguren widerzuspiegeln und beeindruckt vor allem in visueller Hinsicht. Und sie scheinen ein weiteres Sinnbild für die Unterdrückung der Frauen zu sein.

    Die Handlung wird durch die Tagebucheinträge von Abigail, die anhand eines Voice Overs zum Ausdruck kommen, stetig vorangetrieben. Was vielleicht am Papier wie eine gute Idee erscheint, scheitert hier aber leider an der Umsetzung und stört sogar teilweise den Erzählfluss. Denn „The World to Come“ braucht ohnehin etwas Zeit, um in die Gänge zu kommen. Das Ende wirkt dafür dann umso gehetzter. Die lyrisch anmutenden Dialoge zwischen den Frauen merzen die Schwächen im Drehbuch dafür aber fast schon wieder aus. Die Filmmusik von Daniel Blumberg gliedert sich dafür wieder nicht ganz so gut ein.

    Wie man sieht, ist „The World to Come“ ein sehr wankelmütiges Werk. Dies tut der äußerst ansprechenden Inszenierung jedoch keinen Abbruch. Gezeigt werden zwei Frau, die die schauspielerischen Stärken ihrer beiden Hauptdarstellerinnen wahrhaftig betonen, wenn sie sich gegen die ihnen zugeschriebenen gesellschaftlichen Rollen in geradezu poetischer Weise auflehnen. Und wieder einmal sieht man, dass die anfänglich von der Natur ausgehende Gefahr eigentlich ganz woanders liegt: in der Natur der Menschen.
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    (Marion Schlosser)
    07.11.2020
    10:46 Uhr