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    Zum Stillschweigen angehalten

    Exklusiv für Uncut vom International Film Festival Rotterdam
    Andrei Konchalovsky startete seine Filmkarriere mit dem Verfassen von Drehbüchern für den russischen Großmeister Andrei Tarkovsky, bevor er sich in den 70er-Jahren als international anerkannter Regisseur etablierte und gegen Ende der 80er mit Filmen wie „Tango & Cash“ oder „Runaway Train“ in Hollywood durchstartete. In den letzten Jahren hat er in seinen Filmen immer wieder historische Ereignisse verarbeitet, so auch in seinem 2016 erschienenen Werk „Paradise“, in welchem er sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte. Mit „Dear Comrades!“ ist ihm nun erneut ein filmisches Geschichtsepos gelungen, für welches er im vergangenen Jahr mit dem Spezialpreis von Venedig ausgezeichnet wurde.

    Nowotscherkassk, 1962: Lyuda (Julija Wyssozkaja) arbeitet für die Stadtverwaltung und ist treue Anhängerin der Kommunistischen Partei. Eines Tages werden die Lebensmittelpreise drastisch erhöht, was einen Streik der Arbeiter*innen der ortsansässigen Elektrolokomotivfabrik nach sich zieht. Doch plötzlich eskaliert die Situation: Die Proteste werden von der sowjetischen Armee und dem KGB unter Einsatz von Waffengewalt niedergeschlagen. Lyuda, die sich zu dieser Zeit in einem Regierungsgebäude befindet, wird Zeugin des Massakers. In ihrem Glauben an die Kommunistische Partei erschüttert, begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter. Als sie diese nicht finden kann, sieht sie sich unweigerlich mit beunruhigenden Fragen konfrontiert: Zählt sie ebenfalls zu den Opfern des Aufstandes oder versteckt sie sich vor dem KGB?

    80 Tote. Der Ausgang des Aufstandes von Nowotscherkassk erscheint erschreckend.
    Die offizielle Todeszahl wurde allerdings jahrelang geheim gehalten, erst im Jahr 1992 kamen die Umstände der Taten ans Licht und die bis dahin offizielle Angabe von knapp über 20 Todesopfern wurde berichtigt. Wie konnte es jedoch soweit kommen? Andrei Konchalovskys eindrucksvolles Kriegsdrama „Dear Comrades!“ gibt auf diese Frage erste Hinweise. Das schockierende Reenactment malt anhand von einprägsamen Schwarzweißszenen ein Bild einer Gesellschaft, die jahrelang, unter der Androhung als Verräter angeklagt zu werden, zum Stillschweigen angehalten wurde. Auch noch heute ist die Angst vor Verdächtigungen und korrupter Bürokratie fest in der Bevölkerung verankert.

    Stellvertretend für die Panik, Wut und Angst so vieler Bewohner*innen bringt uns Regisseur Konchalovsky die persönliche Geschichte rund um Protagonistin Lyuda näher, die in ihrem Glauben und Vertrauen erschüttert wird. Ihre Darstellerin Julija Wyssozkaja ist dabei umwerfend! Sie schafft es nicht nur, anhand ihrer expressiven Mimik und subtilen Gestik, ein vielschichtiges Porträt einer gebrochenen Frau abzuliefern, sondern verkörpert auch den gefühlsmäßigen Umschwung hin zu einer allumfassenden Wut äußerst feinfühlig.

    Durch die Kameraführung erhält das Kriegsdrama darüber hinaus einen wahrlich gehaltvollen Kunstanspruch, welcher durch die gelungene Ausstattung und den Dreh an Originalschauplätzen noch hervorgehoben wird. Das internationale Autorenkino konnte in den letzten Jahren ja vielfach durch die eindrucksvolle Aufarbeitung längst vergangener Zeiten anhand von Schwarzweißbildern überzeugen - man denke nur an „Roma“ oder „Cold War“ – und auch „Dear Comrades!“ reiht sich in diese Aufzählung ein. Lediglich der Beginn erscheint holprig, die Narration kommt erst mit der Zeit so wirklich in Gang. Dafür dann aber so richtig!

    Das Bild, dass sich hier abzeichnet, ist jedenfalls erschreckend. Verhöre, die verschwörerischen Absichten folgen. Leichen, die heimlich in Friedhöfen der Umgebung verscharrt werden. Eine Bevölkerung, die mundtot gemacht wird.

    „Dear Comrades!“ vermittelt diese von Angst erfüllte Atmosphäre ausgesprochen raffiniert. Es ist ein wichtiges Werk über eine dunkle Stunde in der sowjetischen Geschichte, ein bestürzenden Kriegsdrama, welches man so schnell nicht vergisst.
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    (Marion Schlosser)
    08.02.2021
    23:09 Uhr