Filmkritik zu Baba Yaga

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    „Crepax Light“ auf dem großen Bildschirm

    Eldritch Advice
    Der 2003 in seiner Heimatstadt Mailand verstorbene Architekt und Comickünstler Guido Crepax ist heute insbesondere für seine Figur der „Valentina“ bekannt. Diese gab 1965 im italienischen Magazin „Linus“, im Rahmen von Crepaxs „Neutron“-Geschichten, ihr Debüt. Ursprünglich als Nebencharakter erdacht, entwickelte sich die von der Schauspielerin Louise Brooks inspirierte Figur nach und nach zur Protagonistin, und über die Seiten ihrer erotischen und surrealen Abenteuer hinaus, zu einer prägenden Stilikone des europäischen Erwachsenencomics. „Valentinas“ ansteigende Popularität erweckte natürlich Begehrlichkeiten abseits des eigenen Mediums. Die logische Konsequenz daraus war eine Realfilmadaption, die 1973 unter der Regie von Corrado Farina ihre Verwirklichung fand. Farina, der mit seinem Spielfilmdebüt „Wettlauf mit dem Tod“ 1971 mit dem „Goldener Leopard“ ausgezeichnet wurde, war ein Comicliebhaber und großer Fan von Crepaxs Schaffen. Deswegen galt er als die logische Wahl, um Valentina einem neuen Publikum näherzubringen. Für die Umsetzung entschied man sich den 1971 veröffentlichten Handlungsbogen um die Hexe Baba Yaga zu adaptieren, nach der dieser Film im Original auch benannt wurde.

    Nach einer befremdlichen Begegnung mit einer mysteriösen Frau, die sich als Baba Yaga vorstellt, beginnt für Fotojournalistin Valentina die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Wachträume, die zwischen vergangenen Traumata und bisher ungekannten sexuellen Begierden schwanken, beeinträchtigen allmählich ihr rationales Denken. Dazu kommt erschwerend, dass ihre Fotomodelle unerklärlichen Unfällen zum Opfer fallen. Ihr guter Freund und Liebhaber Arno ist nun ihr letzter Realitätsanker. Doch ist dieser Anker stark genug um den Fluch der Baba Yaga zu brechen?

    Ich muss sagen … „Baba Yaga“ ist wie guter Sex, bei dem einem der Höhepunkt verwehrt bleibt.

    Die Geschichte des Filmdrehs ist keine Liebesgeschichte zwischen den Produktionsfirmen und Farina. Ohne das Wissen des Regisseurs wurde der Film in der Nachbearbeitung umgeschnitten. Als Farina davon erfuhr, erwirkte er durch medialen Druck das Recht noch einmal selbst Hand anlegen zu dürfen. Allerdings gelang es ihm nicht, aus dem noch vorhanden Material seine ursprüngliche Fassung wieder herzustellen. Erst im Jahr 2009 veröffentlichte das britische Label „Shameless Screen Entertainment“ den von Farina selbst durchgeführten „Final Cut“, der mit etwa 85 Minuten Laufzeit gut 2 Minuten länger als die Kinofassung ist, und somit seiner anfänglichen Vision am nächsten kommt. Dafür kann der, ausschließlich auf DVD veröffentlichte, „Final Cut“ in Sachen Bildqualität nicht mit der auf Blu-Ray erschienen restaurierten Kinofassung von „Blue Underground“, die auch beim deutschen Release von „Donau Film“ Verwendung fand, mithalten. Die HD Fassung ist nicht bloß schärfer, sondern verfügt auch über kräftigere Farben. Wobei erwähnt werden muss, dass Farinas Stil generell sehr kühl wirkt. Dadurch kommen die vorhandenen Farben nie richtig zur Geltung. Dies mag vielleicht daran liegen, dass er die Ästhetik der schwarz-weiß gehaltenen Comicvorlage damit einfangen wollte. Meiner Meinung nach, würden sattere Farben den Film optisch aufwerten. Schließlich strotzt dieser nur so vor exzellent gefertigten Kostümen, sowie wunderschönen Drehorten. Ein ähnliches Gefühl verspüre ich beim Soundtrack. Zwar fügt sich die durchaus gelungene Komposition von Piero Umiliani ideal in die dargebotenen Bilderflut ein, sie vermag es allerdings nicht, den jeweiligen Szenen einen Mehrwert zu verleihen.

    Obwohl Farinas Castingvorschläge nicht berücksichtigt wurden oder aus anderen Gründen nicht zustande kamen, ist es den Produzenten gelungen eine talentierte Besetzung zusammenzustellen. Da an „Baba Yaga“ französische und italienische Filmfirmen beteiligt waren, musste jeweils eine der Hauptrollen aus einem der beiden Länder kommen. Da die Rolle des Arno bereits an die „Italo-Ikone“ George Eastman vergeben war, fiel bei Valentina die Wahl auf die wunderhübsche französische Schauspielerin Isabelle De Funès, die Nichte des legendären Louis de Funès. Beide wirken nicht nur äußerst sympathisch, sondern schaffen es darüber hinaus dem Film eine Seele zu geben. Die Hexe Baba Yaga hätte eigentlich von Anne Heywood gespielt werden sollen, doch diese sprang kurz vor den Dreharbeiten ab. Nachbesetzt wurde die Rolle mit Carroll Baker. Zwar hatte diese nicht die von Farina für Baba Yaga gewünschte Androgynität, doch selbst der Regisseur musste danach zugegeben, dass sie ihre Rolle mit Bravour bewältigte, auch wenn sie optisch nicht dem Charakter aus der Comicvorlage entsprach.

    Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

    Auch wenn Farina sich auf dem Papier wie der ideale Regisseur für ein „Valentina“-Projekt präsentierte, bin ich der Meinung, dass dieser Film in den Händen eines Mario Bava oder Sergio Martino besser aufgehoben gewesen wäre. Zwar erkennt man durchaus, dass Farina mit Herz und Seele an „Valentina“ hing, und es ihm geradezu vorbildlich gelang die Surrealität der Wachträume der Protagonistin von der Vorlage in das Medium Film zu adaptieren, doch als Gesamtwerk betrachtet ist „Baba Yaga“ letztendlich kein wirklich runder Film. Dies zeigt sich vor allem in den holprig wirkenden Szenenwechseln und einem Tempo, das ständig zwischen stimmig und träge variiert. Ebenfalls war Farina nicht in der Lage sämtliche Genres, die dieser Geschichte innewohnen, gleichermaßen zu bedienen. So funktioniert „Baba Yaga“, besser als erotischer Kunstfilm, denn als erotischer Okkultthriller.

    Falls mein Tenor etwas kritisch klingen sollte, liegt dies daran, dass es in „Baba Yaga“ viel brach liegendes Potential gibt. Im Grunde genommen ist dieses Werk ein durchaus stimmiges und künstlerisch anmutendes „Mood Piece“, dass als übernatürlicher Erotik-Thriller, mit mehr Tempowechseln und einem markanteren Soundtrack wesentlich besser funktionieren würde. Vor einer Sichtung, empfehle ich es, sich zumindest einen der frühen „Valentina“-Bände durchzulesen, um ein besseres Gefühl für den Charakter der Valentina zu bekommen. Als großer Crepax-Fan, setzte Farina wohl ein gewissen Vorwissen voraus, und verzichtete auf eine angemessene Einführung in die Welt der Protagonistin. „Baba Yaga“ erreicht nur in wenigen Momenten die hohe Qualität seiner Vorlage und ist gewiss kein eingängiger Film. Wer jedoch Lust auf einen gut besetzten, ästhetische Bilderreigen hat, und die nötige Geduld mitbringt, wird an diesem Werk Gefallen finden. Trotz meiner Kritikpunkte, fühlte ich mich blendend unterhalten und erachte „Baba Yaga“ als eines freitäglichen Filmabends würdig.
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    (Thorsten Schimpl)
    31.07.2020
    18:41 Uhr
    https://www.youtube.com/VarangianVigilante

    Austrian YouTuber that loves to talk about his favorite movies, comics and pop-cultural stuff.