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    Eurovison: Made in America

    Exklusiv für Uncut
    Seit mittlerweile 64 Jahren begeistert und verstört der Eurovison Song Contest Zuschauer*innen aus Europa und Teilen der restlichen Welt. Die wenigsten würden jedoch auf die Idee kommen, den internationalen TV-Wettbewerb, bei dem alljährlich musikalische Acts aus vielen Ländern Europas gegeneinander antreten, in auch nur irgendeiner Form mit den USA in Verbindung zu bringen. Nichtsdestotrotz kam ausgerechnet US-Comedian Will Ferrell, der sich durch Screwball-Komödien á la „Anchorman“ (2004) oder „Stiefbrüder“ (2008) einen Namen machte, auf die Idee, der bizarren Euro-Veranstaltung einen eigenen Film zu widmen. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob ausgerechnet Amerikaner, die weder mit dem ESC an sich noch dessen absurden Gepflogenheiten auch nur irgendetwas am Hut haben, die richtige Wahl sind, um den Contest in filmischer Form angemessen zu würdigen.

    Und wie sich erstaunlicherweise herausstellt, war das wohl doch keine so schlechte Idee wie anfangs befürchtet. Will Ferrell, der seit 20 Jahren mit der schwedischen Schauspielerin Viveca Paulin verheiratet ist und dadurch auch einen Zweitwohnsitz in der Nähe von Stockholm besitzt, hat durch seine Frau nämlich schon vor Jahren den ESC für sich entdeckt und eine große Faszination für diesen entwickelt. Die Liebe, die er für den Song Contest und dessen Esprit verspürt, macht sich zu jeder Sekunde des Films deutlich bemerkbar.

    Das fertige Ergebnis trägt den umständlichen Titel „Eurovison Song Contest: The Story of Fire Saga“ und ist seit 26. Juni weltweit auf Netflix abrufbar. Das Drehbuch steuerte Ferrell selbst gemeinsam mit Andrew Steele bei. Im Regiesessel nahm hingegen US-Filmemacher David Dobkin Platz, der zuvor schon Erfolgskomödien wie „Shanghai Knights“ (2003) oder „Die Hochzeits-Crasher“ (2005) inszeniert hatte.

    Ferrell schlüpft hier in die Rolle des Protagonisten Lars Erickssong, ein Isländer mittleren Alters, der schon seit Kindheitstagen ein großes Ziel vor Augen hat: eines Tages für seine Nation den von ihn heißgeliebten „Eurovision Song Contest“ gewinnen. Gemeinsam mit seiner langjährigen besten Freundin Sigrit (Rachel McAdams) gründet er die Band „Fire Saga“, deren erste Aufritte in ihrer Heimatstadt Húsavík anfänglich aber nur Spott und Hohn auf sich ziehen.

    Dennoch wollen die beiden Herzblutmusiker*innen, die insgeheim mehr füreinander empfinden als nur Freundschaft, sich nicht unterkriegen lassen und schaffen es durch Glück sogar am isländischen Vorentscheid des Wettbewerbs teilnehmen zu dürfen. Und siehe da: die beiden liebenswerten Chaoten scheinen ihren großen Traum Schritt für Schritt näher zu kommen – auch wenn ihnen auf den Weg dorthin noch einige Steine in den Weg gelegt werden.

    Wie die Figuren, die ihm innewohnen, ist auch der fertige Film alles andere als perfekt geworden. Nein, ein paar der Witze gehen gar nicht auf, oft wiederholte Running-Gags verlieren schnell an Wirkung und der Verlauf der Geschichte bleibt bis zur letzten Minute vorhersehbar.

    Sind es aber nicht genau Imperfektionen wie diese, die den „Eurovison Song Contest“ alljährlich überhaupt erst zu einem erinnerungswürdigen und unterhaltsamen Event machen?

    Die zwei großen Zutaten, die „Eurovision“ als Film nämlich trotz all seiner Fehler zu einem durch und durch wohltuenden Seherlebnis machen, sind nämlich ungefähr dieselben wie beim echten Song Contest: eingängige Songs und eine ganz große Portion ehrlicher Kitsch.

    Obwohl es sich beim Film in erster Linie um eine US-amerikanische Produktion handelt, wird rasch bemerkbar, dass hier Leute am Werk waren, die sich zu Genüge mit den tatsächlichen Mechanismen und Eingenheiten des Song Contest auseinandergesetzt haben. Ob nun bei der übertrieben bombastischen Bühnen- und Lichtshow, den schräg schillernden Teilnehmer*innen oder gar der Wahl, den britischen Showmaster Graham Norton auch hier als Kommentator agieren zu lassen: die Leidenschaft gegenüber der echten Veranstaltung bleibt zu jeder Sekunde spürbar.

    Im Mittelteil der Komödie bekommen Hardcore-Fans des ESC sogar ein besonderes Schmankerl serviert. Während eines Medleys bestehend aus populären Pop-Songs kommen nämlich plötzlich ein paar ehemalige Teilnehmer*innen des Song Contests zum Vorschein. Darunter unter anderem: das norwegische Geigenwunder Alexander Rybak, die israelische Gacker-Gewinnerin Netta oder auch unser jederzeit strahlender Austro-Export Conchita Wurst.

    Schlussendlich ist es aber das überraschend vielfältige Repertoire an Originalsongs, das für den nötigen Antrieb sorgt. Von Pop-Balladen über Eurodance-Nummern hinzu volkstümlichen Gute-Laune-Songs lässt sich fast eine jede Musikgattung wiederfinden. Alle Musikeinlagen im Film haben zwei Dinge miteinander gemein: sie geben das kitschige Flair des echten ESC tadellos wieder und sind zudem größtenteils tatsächlich hochwertig produzierte Songs. Allen voran die mehrfach wiederholte Feel-Good-Nummer „Jaja Ding Dong“ wie auch das emotional aufgeladene Finalstück „Húsavík“ dürften Zuschauer*innen aus aller Welt noch lange im Ohr bleiben. Die sichtlich gut aufgelegte Darstellerriege dient dem Film dann noch als Kirsche obendrauf. Auch wenn Ferell selbst eine durchaus solide Figur abgibt, wird er von seiner Co-Darstellerin Rachel McAdams komplett in den Schatten gestellt. Diese darf hier als liebenswürdige Sängerin Sigrit nach ihren Glanzleistungen in „Girls Club“ und „Game Night“ einmal mehr ihr präzises Gespür für komödiantisches Timing unter Beweis stellen. Ein weiteres Highlight im Cast stellt der Brite Dan Stevens dar, der als exzentrischer wie auch egozentrischer ESC-Teilnehmer Russlands für ein paar der größten Lacher im Film sorgen darf.

    Auch wenn die Feel-Good-Komödie in Puncto Humor oft etwas auf der Strecke bleibt und sich nicht selten an abgedroschenen Running Gags und Klischees aufhängt, werden einige dieser Unzulänglichkeiten durch Charme und der deutlich spürbaren Liebe für den Song Contest als Nationen verbindendes Event wieder wettgemacht. In erster Linie ist „Eurovison Song Contest: The Story of Fire Saga“ ein ehrwürdiges Geschenk an all jene, die den Song Contest jedes Jahr mit Begeisterung verfolgen, und sollte Fans, die immer noch dem Corona-bedingten Entfall des diesjährigen ESC nachweinen, passendes Ersatzprogramm bieten.
    Jaja – Ding Dong!