Filmkritik zu Benedetta

Bilder: Polyfilm Fotos: Polyfilm
  • Bewertung

    „Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt“

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Als besonders verdaulich galt das Kino Paul Verhoevens nie. Gesellschaftliche Tabubrüche, sexuell aufgeladene Momente, brachiale Gewaltdarstellungen: all das sind Elemente, die sich quer durch die Karriere des heute 83-jährigen Provokateurs ziehen. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung seines damals verschmähten, heute aber vielerorts als Kultfilm betrachteten Erotikthrillers „Showgirls“ ließ Verhoeven das prüde Hollywoodkino (satirische Sci-Fi-Klassiker wie „Robocop“, „Starship Troopers“ oder „Total Recall“ entstammen seiner Feder) gänzlich hinter sich. Sein Regie-Comeback feierte der gebürtige Niederländer dann Ende der 2000er-Jahre in seiner Heimat mit dem wohlwollend aufgenommenen Kriegsstreifen „Black Book“. Die Rückkehr ins europäische Independent-Kino erwies sich für Verhoeven als weise Entscheidung: das komplett auf Französisch gedrehte Rape-Revenge-Drama „Elle“ brachte Verhoeven einen ungewohnten Preisregen ein und zudem seine allererste Oscar-Nominierung. Um einen Konsensfilm dieser Art handelt es sich bei seinem neuesten Werk „Benedetta“ aber gewiss nicht.

    Das abermals auf Französisch entstandene Historiendrama beruht lose auf wahren Begebenheiten und entführt Zuschauer*innen ins stockkonservative Italien des 17. Jahrhunderts, das gerade von einer Pestwelle heimgesucht wird. Im Vordergrund der Geschichte steht die Nonne Benedetta Carlini (Virginie Efira), die im zarten Alter von neun Jahren durch ihre Eltern in ein toskanisches Kloster verfrachtet wird. Als Erwachsene erlebt die Novizin im Schlaf plötzlich Visionen von Jesus und erhält angebliche Botschaften Gottes. Die Kirchengemeinde zeigt sich verblüfft von den wunderlichen Ereignissen, lediglich die Klostervorsteherin (Charlotte Rampling) ist voller Skepsis. Als diese dann Benedetta auch noch beim lesbischen Sex mit einer anderen Nonne (Daphné Patakia) erwischt, meint sie, dass diese ihre Visionen nur vortäuscht, um ihre ‚unzüchtigen‘ Triebe zu kaschieren. Um den Wahrheitsgehalt der außerweltlichen Vorkommnisse zu überprüfen, wird ein päpstlicher Nuntius (Lambert Wilson) in die toskanische Ortschaft entsandt.

    Verhoevens neues Wahnsinnswerk einem bestimmten Genre zuzuordnen ist schlicht unmöglich. Der abstruse Streifen, der Potenzial zum Kultfilm besitzt, bewegt sich irgendwo zwischen historischem Melodram, religiöser Satire und waschechter Nunsploitation. Verhoeven besinnt sich hier auf seine kauzigen Ursprünge zurück und konnte, trotz der ernsten Grundthematik, einiges an herrlich schwarzer Komik miteinbauen. Die erotischen Momente sind gewohnt ausgedehnt und provokant inszeniert, erfüllen als solche ihren Zweck aber wunderbar. Einzig eine besonders harte Folterszene im letzten Akt darf als durchaus geschmacklos betitelt werden. Die prächtigen Sets und Kostüme verleihen „Benedetta“, aller Eigenheiten zum Trotz, eine gewisse historische Glaubwürdigkeit. Am Ende ist es aber die Darstellerriege, die Verhoevens anrüchiges Nonnendrama zusammenhält. Allen voran Hauptdarstellerin Virginie Efira und Grande Dame Charlotte Rampling laufen zu schauspielerischer Höchstform auf. Letztlich ist der eigenbrötlerische Nunsploitation-Streifen aber regelrecht dazu konzipiert, die Gemüter zu spalten und erinnert in dem Sinne an skandalöse Frühwerke Verhoevens. Fans des holländischen Enfant terrible sollten aber eine Mordsfreude mit den neuesten Unzüchtigkeiten des Regisseurs haben.