Filmkritik zu Gunda

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  • Bewertung

    Wirksamer PropaGunda-Film

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Der Dokumentarfilm Gunda, der in der Sektion „Encounters“ der diesjährigen Berlinale Weltpremiere feierte, ist das lang ersehnte Herzensprojekt des russischen Regisseurs Victor Kossakovsky. Als Kind schloss er Freundschaft mit einem Ferkel, welches in den Weihnachtsfeiertagen sogar zu Tisch geladen wurde, allerdings als Braten, weshalb sich Kossakovsky selbst als „erster Vegetarier der Sowjetunion“ bezeichnet. Das beharrliche Warten des Regisseurs – der Film konnte über Jahrzehnte keine Interessenten finden, um finanziert zu werden – hat sich jedoch gelohnt. Dieser Meinung ist wohl auch Joaquín Phoenix, der nachdem er den Film gesehen hatte, als Executive Producer mit an Bord stieg.

    Gunda ist eine Schwarzweiß-Dokumentation, welche vollständig ohne Dialog und – fast noch erstaunlicher – ohne jegliche Musik auskommt. Sie zeigt Ausschnitte aus dem Leben von Gunda, einer frisch gebackenen Mutter und ihrer Ferkel. Schon in den ersten paar Minuten findet man sich in einer für Menschen fremden Welt wieder, während man Gundas erschöpftem Schlaf zusieht, wobei allein ihr Kopf außerhalb des Stalls liegt, und langsam, eins nach dem anderen und immer lebhafter, ihre Ferkel über sie hinweg ins Bild und wieder in den Stall laufen.

    Im Laufe der nächsten eineinhalb Stunden beobachtet man die Ferkel beim chaotischen Milchtrinken, beim Spielen, beim Erkunden der Umgebung, beim Nachahmen der Mutter, beim wilden Herumtollen, kurz gesagt beim Heranwachsen. Die drei Ausschnitte, in denen Gunda und ihr Nachwuchs im Mittelpunkt stehen, sind zeitlich einige Monate voneinander entfernt und werden auch im Film von zwei Sequenzen mit anderen Tieren getrennt. So wird man auch Zeuge von den ersten Schritten, die ein Huhn, zum ersten Mal in Freiheit, an der frischen Luft tut und von einer Herde Kühen, die förmlich vor Freude sprüht, endlich vom Stall hinaus auf eine Wiese zu können.

    Obwohl Kossakovsky bewusst darauf verzichtet, das Publikum emotional zu manipulieren, etwa durch sentimentale Musik, stellt sich allein durch die Art und das Verhalten der Tiere beim Zuschauer solch eine wohlwollende Friedfertigkeit und Empathie ein, dass den Minimalismus des Films im Endeffekt als einzige Methode entpuppen, den wahren Charakter der Tiere zu erfassen.

    Selten ist ein Moment so rührend und pur wie jener als eine Gruppe Hühner, alle mit zerrupftem, unvollständigem Federkleid und stumpfen Schnäbeln – bittere Zeichen ihres bisherigen Daseins – begreift, dass die Tür ihres Käfigs nun offen steht. Das langsame, zuerst anscheinend fassungslose Erkunden der Natur durch diese Tiere ist fabelhaft und traurig zugleich. Denn, und das gilt sowohl für Gunda und ihre Ferkel, für die Kühe als auch für die Hühner, man weiß woher sie kommen und was mit ihnen geschah, beziehungsweise wo sie früher oder später hinmüssen. Die Botschaft Kossakovskys, obwohl mit keinem Wort erwähnt, mit keinem Zeichen angedeutet, kristallisiert sich beim Sehen des Films trotzdem deutlich – Tiere haben Charakter, eine rege Gefühlswelt, die der der Menschen um nichts nachsteht und so sollten sie auch behandelt werden. Die Wirkung ist nicht zu unterschätzen, denn laut dem Regisseur hat sich gut über die Hälfte der Filmcrew nach dem Dreh bei ihm gemeldet, nun nicht mehr im Stande zu sein weiterhin Fleisch zu essen.

    Gunda ist ein mutiger, ungewöhnlicher, sehr sehenswerter Film, der von den Zuschauern zwar verlangt, sich in Neues einzulassen, diese aber dafür auch reichlich belohnt.
    17.03.2020
    13:21 Uhr
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Gunda

USA/Nor 2020
Regie: Viktor Kosakovskiy