Filmkritik zu Pinocchio

Bilder: Ascot Elite Filmverleih Fotos: Ascot Elite Filmverleih
  • Bewertung

    Von der Holzpuppe, die gern ein echter Junge wär

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Vor nicht allzu langer Zeit galt Roberto Benigni als einer der erfolgreichsten Schauspieler Europas. Schon mit Nebenrollen in frühen Filmen von US-Indie-Darling Jim Jarmusch erlangte Benigni erste internationale Bekanntheit. Weltweiter Ruhm wurde dem italienischen Komiker aber zuteil, als er 1997 sein eigens inszeniertes Comedy-Drama „Das Leben ist schön“ veröffentlichte und dafür gleich in unvergesslichen Reden mehrere Oscars absahnen durfte (unter anderem „Bester fremdsprachiger Film“ und „Bester Schauspieler“ für Benigni selbst). Als Folgeprojekt versuchte sich Benigni Anfang der 2000er-Jahre an einer komödiantisch angehauchten Verfilmung des Kinderbuchklassikers „Pinocchio“, in der er im Alter von 50 (!) Jahren absurderweise auch selbst den titelgebenden Holzjungen verkörperte. Die Adaption erwies sich berühmt-berüchtigterweise als gigantischer Fehlgriff und wurde von Kritik wie auch vom Publikum verschmäht. Nach diesem spektakulär gescheiterten Projekt blieb es in den letzten Jahren eher ruhig um Benigni. Abgesehen von kleinen Rollen in Filmen wie Woody Allens „To Rome With Love“ (2012), schien es so als hätte sich die italienische Komikerlegende größtenteils aus dem Showbusiness zurückgezogen.

    Nach siebenjähriger Abstinenz aus dem Filmgeschäft will es das Multitalent jetzt doch nochmal wissen und das noch dazu ausgerechnet in einer weiteren Realverfilmung von „Pinocchio“!

    Diesmal hat Benigni jedoch weder im Regiestuhl Platz genommen noch die titelgebende Hauptfigur selbst verkörpert. Nein: für die Neuverfilmung des Stoffes, die vom renommierten italienischen Autorenfilmer Matteo Garrone („Gomorra“, „Dogman“) inszeniert wurde, schlüpfte Benigni in die ihm deutlich besser stehende Rolle des Tischlers Gepetto. Der Holzjunge selbst wird vom Kinderschauspieler Federico Ielapi dargestellt. Und eines darf man schon mal vorweggeben: Das Ergebnis ist deutlich besser geraten als die katastrophale Verfilmung von 2002.

    Die Geschichte selbst bleibt im Grundkern aber dieselbe wie eh und je: Dem quirligen Tischler Gepetto (Benigni) macht seine Geldknappheit langsam zu schaffen und die Arbeit scheint ihm auch schon auszugehen. Als er eines Tages ein Marionettentheater in seiner Heimatstadt besucht, kommt er auf die Idee aus einem Holzstamm selbst eine Marionette zu schnitzen. Und siehe da: die Puppe, die Gepetto kurzerhand Pinocchio tauft, erwacht plötzlich zum Leben. Gepetto versucht den Holzjungen wie seinen eigenen Sohn großzuziehen und schickt diesen kurze Zeit später auch schon in die Schule. Der Junge muss aber schon bald feststellen, dass er nicht wie seine Mitschüler*innen ist. Als es Pinocchio gelingt von zuhause auszubüxen, beginnt für die Puppe eine fantasievolle Odysee, bei dem der Junge noch so einige magische Orte und Wesen kennenlernen wird.

    Mit den weichgespülten Realverfilmungen aus dem Hause Disney lässt sich Garrones Neuverfilmung des altbekannten Stoffes nur schwer vergleichen. Der Regisseur hält sich nämlich sehr genau an den Originalroman von Carlo Collodi, der aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr gänzlich kindgerecht ist. Bei „Pinocchio“ halte es sich somit um eine Neuverfilmung, die wahrscheinlich für viele Leute unerwartet düstere Wege beschreitet und einige obskure Fantasy-Elemente in sich trägt. Genau letztere sind es, die den Film zu einem sehenswerten Kinoerlebnis machen. Garrone hat die fantastisch angehauchten Elemente seiner „Pinocchio“-Verfilmung nämlich in eine adäquat verspielte Bildsprache getränkt. Ausgestattet mit einem opulenten Kostüm- und Szenenbild und begleitet von sauberen Aufnahmen mit einer satten Farbgebung belohnt der Film einen zumindest auf ästhetischer Ebene mit einem Augenschmaus für die Sinne. Besonders in den surrealen Momenten, die sich bis zum finalen Klimax von Minute zu Minute häufen und (wie könnte es denn auch anders sein) im Bauch eines Wals ihren Höhepunkt finden, kommt die exzellente Bildgestaltung gut zum Vorschein.

    Abseits der fantastischen Aspekte weiß auch die Erzählung der altbekannten Geschichte mal wieder zu funktionieren, auch wenn die überzogene Darstellung der Dinge stellenweise etwas zu viel werden kann und bei einer Lauflänge von ganzen 122 Minuten nicht immer die gewünschte Wirkung erzielt. Besonders der Look von Pinocchio ist zu Beginn noch gewöhnungsbedürftig und wird so manch Zuschauer*in eher verschrecken, als mit Freude erfüllen. Roberto Benigni beweist als Gepetto hingegen, dass er auch heute noch sein Handwerk so gut beherrscht wie zu seinen Glanzzeiten, und verleiht dem Film mit seinem gewohnt schwungvollen Auftreten und unwiderstehlichem Charisma eine große Portion Energie. Leider vermisst man im Mittelteil Benignis Präsenz ein wenig, wodurch das anfangs so temporeiche Pacing der Neuverfilmung etwas entschleunigt wird.

    Unterm Strich ist Matteo Garrone mit seiner Realverfilmung von „Pinocchio“ trotz mancher Stolpersteine immer noch eine sehenswerte Neuadaption des altbekannten Stoffes gelungen. Mit eindrucksvoll gestalteten Fantasy-Momenten, die sich ihre notwendige Skurrilität zugestehen, anstatt diese zu verschleiern, wird ein bildgewaltiges Seherlebnis geboten, bei dem Altmeister Roberto Benigni als Mister Gepetto die Kirsche auf der ohnehin schmackhaft bunten Torte ist.