Filmkritik zu Undine

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    Das Mädchen aus dem Wasser

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Christian Petzold ist einer der letzten großen Romantiker des deutschen Kinos. Schon seit Jahren gilt der Regisseur, dessen Werke sich zumeist mit Liebe, Leben und Tod auseinandersetzen, als einer der bedeutendsten Filmemacher Deutschlands. Über viele Jahre hinweg diente ihm Schauspielerin Nina Hoss als Muse, mit der er unter anderem bei Filmen wie „Yella“, „Jerichow“ oder dem viel gepriesenen „Phoenix“ zusammenarbeite. Vor zwei Jahren veröffentlichte der deutsche Regisseur mit „Transit“ sein bis dato wohl meist-besprochenes Werk, das trotz Nina Hoss‘ Abwesenheit auch international viel Aufsehen erregen konnte. Es handelte sich dabei um die Verfilmung eines romantisch angehauchten Fluchtromans im Zweiten Weltkrieg, dessen Setting jedoch in die Moderne verfrachtet wurde. Da Petzold das tragische Ende seines Films nicht mehr loslassen wollte, entschied er sich dazu, nochmal eine Romanze mit den beiden selben HauptdarstellerInnen Paula Beer und Franz Rogowski zu drehen. Diese trägt den schönen Titel „Undine“ und ist einmal mehr eine Literaturverfilmung, deren klassische Geschichte Petzold auch diesmal wieder in ein modernes Setting eingerahmt hat. Ganz konkret basiert der Film nämlich lose auf dem bekannten Undine-Mythos, der hier ins moderne Berlin verfrachtet wurde.

    Das fantastisch angehauchte Drama erzählt also von Undine (Paula Beer), die eigentlich dem Wasser entstammt, jedoch seit Hunderten von Jahren bereits in Berlin verweilt, wo im 21. Jahrhundert schon längst jeglicher Zauber verflogen zu sein scheint. Mittlerweile arbeitet die studierte Historikerin als Museumsführern und wurde erst kürzlich von ihrem Ex-Freund (Jakob Matschenz) in einem Café im Stich gelassen und verlassen. Eigentlich muss die Frau aus dem Wasser den Mann, der sie verlässt, ertränken. Bevor dies aber passieren kann, trifft sie eines Tages nach einer ihrer Führungen über die Stadtgeschichte Berlins den Berufstaucher Christoph (Franz Rogowski), in den sie sich verliebt. Dieser schafft es neue Magie in Undines Leben zu bringen, jedoch wird das gemeinsame Glück der beiden bald schon auf eine harte Probe gestellt.

    Petzold hat hier einen streckenweise sehr rätselhaften Film geschaffen, der dem Zuschauer nicht jede Information am Silbertablett serviert, weshalb einem sich bei der ersten Sichtung noch nicht zwingend ein jedes narratives Versatzstück erschließen dürfte. Das tut der Gesamtqualität jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: dies gibt dem Zuschauer die Chance sich vieles in diesem wundervollen modernen Märchen selbst zusammenzureimen, anstatt ohne jegliche Ambiguität alles penibel auserzählt zu bekommen. Stichwort Märchen: Obwohl Petzold hier den Originalstoff modernisiert und mit rauem Realismus vermengt, bleibt er nichtsdestotrotz auch dem klassischen Charakter eines Märchens treu. Manch zynischerer Zuschauer wird das wohl als Kitsch abtun, obwohl die gezeigte Romantik nahtlos mit dem magischen Realismus, der hier aufgebaut wird, harmoniert. Dazu tragen auch die fantastischen Bildwelten bei, die Petzold mithilfe von Kameramann Heinz Fromm erschaffen hat. Insbesondere die wundervollen Unterwasser-Aufnahmen, für die laut eigenen Angaben des Regisseurs nicht auf CGI sondern Setbauten zurückgegriffen wurde, bringen großen ästhetischen Reiz mit sich und erinnern in ihrer prägnanten Verwendung blau-gründlicher Farben stilistisch (wie übrigens stellenweise auch narrativ) ein wenig an Guillermo Del Toros Oscar-Märchen-Romanze „The Shape of Water“.

    Apropos ‚Romanze‘: Die im wahrsten Sinne des Wortes märchenhafte Liebesgeschichte, die im Vordergrund steht, dient dem Film als Hauptantriebskraft. Dabei sind es trotz aller fantastischen Elemente interessanterweise ausgerechnet die intimeren und geerdeteren Szenen, die die Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren mit Leben befüllen und so gut funktionieren lassen. Wenn denn nun beispielsweise Christoph Undine in einem intimen Moment darum bittet, ihm ihren Museumsvortrag aufzusagen, da er es schön findet, wenn sie ‚so kluge Sachen‘ sagt, dann bringt das einen außerordentlich liebenswerten wie auch menschlichen Charme mit sich, der der exzentrischen Beziehung der beiden eine gewisse Glaubwürdigkeit verleiht. Paula Beer und Franz Rogowski tun mit ihrem subtil ausdrucksstarkem Spiel dafür das Übrige.

    Was lässt sich also noch groß sagen? Obwohl der Film in seiner Gesamtheit ab und an narrativ holprig sein kann und nicht ganz an die Qualität des meisterhaften „Transit“ heranreicht, beweist Christian Petzold mit seiner Neuinterpretation des Undine-Mythos einmal mehr, dass es sich bei ihm zweifelsohne um einen der großen Filmemacher des kontemporären deutschen Kinos handelt. Mit seiner Modernisierung des Stoffes, die rauen Realismus im heutigen Berlin mit wundersam (und genregetreu umgesetzten) romantischen Märchenaspekten vermischt, zeigt Petzold, dass selbst in der Tristesse und Monotonie des 21. Jahrhunderts der Glaube ans Fantastische noch nicht völlig verloren gegangen ist.