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    Roadtrip in eine ungewisse Zukunft

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2020
    Nicht selten kommt es vor, dass Mädchen im Teenager-Alter ungewollt schwanger werden, und daher ihr Baby vor der möglichen Geburt abtreiben lassen wollen. Das Thema Abtreibung gilt für einige (in der Regel eher regressiv denkende) Personen noch immer als tabuisiertes Sujet. Dabei ist dieses doch so allgegenwärtig und für junge Frauen aus aller Welt wahrscheinlich auch so nachvollziehbar wie wenig andere Themen. Ähnliches dachte sich wohl auch US-Filmemacherin Eliza Hittmann, als sie mit der Arbeit an ihrem neuesten Projekt begann. „Never Rarely Sometimes Always“ nennt sich nun der fertige Streifen und durfte schon im Jänner beim Sundance Filmfestival, dem Olymp aller Independent-Festivals, seine Weltpremiere feiern. Und eines sei vorweg schon mal gesagt: der dort geerntete Lob sind in der Tat nicht unverdient.

    Das Drama widmet sich der 17-jährigen Autumn (Sidney Flannigan), die gemeinsam mit ihren Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einer ländlichen Region in Pennsylvania lebt und ein eher überschaubares Dasein führt. Dieser Umstand ändert sich jedoch schlagartig, als die Teenagerin eines Tages unfreiwillig schwanger wird und nur einen Ausweg aus der Situation sieht: eine Abtreibung zu machen. Um diesen Prozess realisieren zu können, macht sie sich gemeinsam mit ihrer einfühlsamen Cousine Skyler (Talia Ryder), die mit ihr gemeinsam in einem lokalen Supermarkt arbeitet, auf den Weg nach New York City. Dort wollen die beiden eine passende Klinik aufsuchen, um den Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. Während der Fahrt dorthin werden den beiden jedoch auch ein paar unerwartete Steine in den Weg gelegt.

    Hittman ist hier ein Drama voller Ruhe und rauer Emotionen gelungen, das schleichende Authentizität über artifizielle Melodramatik stellt. Der Regisseurin gebührt besonders großer Respekt dafür, mit welch unglaublicher Empathie sie sich ihren Protagonistin annähert. Zu keinem einzigen Moment wird Autumn in eine Opferrolle gesteckt, sondern agiert stets als vollentwickelte Figur, ohne rein auf marginalisierende Merkmale reduziert zu werden. Die Geheimzutat dafür ist, dass Hittman auf jegliche konkreteren Hintergründe und Gründe für die Schwangerschaft der Hauptfigur verzichtet, um somit den Menschen Autumn in den Vordergrund zu rücken, anstatt diejenigen, die ihr Leid zugefügt haben. Dadurch wird „Never Rarely Sometimes Always“ zu einem zutiefst humanen Drama, das sich an keiner Stelle künstlich anfühlt, sondern ein realitätsnahes Abbild der echten Welt kreiert. Der weibliche Blick, aus dem Hitmann ihren Film heraus erzählt, kommt besonders erfrischend, da so jegliche Machoismen zur Seite geschoben werden, um die kitschbefreit liebenswerte Dynamik der beiden Cousinen hervorzuheben.

    Die männlichen Charaktere dienen dem Narrativ lediglich sporadisch als Beiwerk und wurden zum Großteil ambivalent genug geschrieben, sodass Hitmann – wie sie in der Pressekonferenz in Berlin bekanntgab – den ZuschauerInnen selbst die Entscheidung überlassen wollte über die Taten der Männer zu urteilen, ohne diese dem Publikum vorzukauen. Man kann die zwiespältige Charakterisierung der männlichen Figuren (insbesondere die eines jüngeren Manns, den die beiden Cousinen während ihres Roadtrips kennenlernen) auch als Dekonstruktion toxischer Maskulinität ansehen, bei der Männer, die vielleicht unbewusst ähnliche Verhaltensmuster an den Tag legen, unangenehm den Spiegel vorgehalten bekommen.

    Im Vordergrund steht aber die bereits vorhin erwähnte Beziehung zwischen den zwei Cousinen, die zutiefst menschlich wie auch schlicht herzergreifend ist, ohne aber in billigen Pathos abzurutschen. Zu diesem Humanismus beziehungsweise Realismus trägt bestimmt auch das durchwegs natürliche Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen einen ordentlichen Teil bei. Newcomerin Sidney Flannigan beeindruckt mit einem wahnsinnig ausdrucksstarken Spiel, das der jungen Darstellerin in Zukunft noch eine rosige Karriere garantieren sollte. Ihre expressive Mimik kommt besonders in der titelgebenden Schlüsselsequenz zum Tragen, in der ihre Figur Autumn in der Schwangerschaftsklinik eine Reihe persönlicher Fragen mit 'niemals', 'selten', 'manchmal' oder 'immer' beantworten soll. Alleinig mit simplen Blicken und subtilen Emotionsausbrüchen schafft es die Darstellerin dabei trotz kaum Dialog, schmerzhafte Einblicke in die gequälte Seele ihrer Figur zu geben. Talia Ryder verkörpert ihr einfühlsames Gegenstück, die toughe Cousine Skylar, mit ähnlich beachtlichem Feingefühl und verabreicht ihrer Figur ebenfalls eine gewisse Verletzlichkeit.

    Das natürliche Schauspiel reiht sich mühelos in das auch sonst vor Authentizität nur so strotzende Setting ein, das abseits dessen von kalten, eindringlichen Aufnahmen des gezeigten Milieus sowie einem angenehm minimalistischen (und pathosbefreiten) Musikeinsatz akzentuiert wurde.

    Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass Eliza Hittman mit „Never Rarely Sometimes Always“ ein sehr ruhig aber umso wirksamer erzähltes Drama gelungen ist, das die 'kontroverse' Thematik zwar ernst anfasst, jedoch dafür nie die Menschlichkeit seiner Figuren aufopfert. Das 'wie' wird oft bewusst vage gelassen, um Hittmans empathischen Umgang mit den Figuren hervorzuheben. Was bleibt ist ein kraftvolles Werk voller Humanität und Feingefühl, das sein universelles Thema auf emotional intelligentem Wege anspricht und deshalb noch zu einem essentiellen Film für viele junge Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden, werden könnte. Bravo Eliza!