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  • Bewertung

    Albträume von Eindringlingen

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die argentinische Regisseurin Natalia Meta erschafft in ihrem neuesten Regiewerk „El prófugo“, bei dem sie auch am Drehbuch beteiligt war, eine Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum zu verschwimmen scheinen. In der Hauptrolle ist eine ausdrucksstarke Èrica Rivas zu sehen, hierzulande wahrscheinlich vor allem bekannt dank ihrer Rolle der temperamentvollen Braut in „Wild Tales“.

    Die in Buenos Aires lebende Inés (Èrica Rivas) verdient sich ihren Lebensunterhalt als Synchronsprecherin, in ihrer Freizeit singt sie in einem Chor. Gemeinsam mit ihrem Freund Leopoldo (Daniel Hendler) reist sie nach Mexiko, wobei seine kontrollierende Art immer wieder zum Streitpunkt wird. Doch als er sich vom Balkon des Hotelzimmers stürzt, kommt dies auch für Inés unerwartet und sie erleidet einen Schock. Weder ihre spontan zu Besuch kommende Mutter (Cecilia Roth) noch die neue Bekanntschaft Alberto (Nahuel Pérez Biscayart) können etwas daran ändern, dass Natalia daraufhin von wahnhaften Albträumen geplagt wird. Mit der Zeit nimmt sie auch vermehrt seltsame Geräusche wahr, die durch die Mikrofone im Tonstudio noch verstärkt werden. Ihre Kollegin Adela (Mirta Busnelli) scheint als Einzige zu wissen, was hier vor sich geht und langsam fragt sich Inés, wem sie überhaupt noch trauen kann.

    Bilder des Folterns, ein quälendes Stöhnen: Bereits der Beginn von „El prófugo“ sorgt für den ersten Nervenkitzel. Schnell wird allerdings klar, dass man lediglich Zeuge von Inés Synchronsprecherarbeit wird, die gerade sadomasochistische Filmszenen beinhaltet. Dass der dunkle Raum eines Tonstudios, in dem man allerhand verschiedene Geprächsfetzen, verzehrte Geräusche und zerstückelte Filmbilder wahrnimmt, einen beunruhigenden Charakter aufweisen kann, bewies bereits Peter Strickland in „Berberian Sound Studio“. Und auch Meta wählt diesen spannungsgeladenen Ort als Ausgangspunkt für ihren Mystery-Thriller.

    Szenenwechsel ins Flugzeug. Inés befindet sich auf einer Reise nach Mexiko, neben ihr befindet sich ihr Lebensgefährte Leopoldo. Dieser verlangt wichtigtuerisch nach einem anderen Sitzplatz, der ihm allerdings verwehrt bleibt. Später drängt er Inés, die an Flugangst leidet, Pillen zur Beruhigung auf. Man merkt schnell - Leopoldo ist eine wahrhafte Zumutung. Wenn er dann in der Hotelbar auch noch ein Lied für sie anstimmt und sie während des Gesangs sogar beim Namen ruft, weil sie sich kurz abgewendet hat, ist die Spitze des Eisbergs längst erreicht. Die Szenen mit Leopoldo sind im Hinblick auf die dargebotene Beziehungsdynamik zwar ziemlich problematisch, aufgrund ihrer geradezu komödiantischen Inszenierung sorgen sie aber auch für den ein oder anderen Lacher.

    Dies ändert sich dann schlagartig mit Leopoldos Selbstmord. Die Stimmung wird daraufhin düsterer, die Atmosphäre deutlich gedrückter. Unbehagen macht sich breit. Die Soundebene trägt dazu einen wesentlichen Anteil bei, aber vor allem auch Hauptdarstellerin Èrica Rivas, die ganz in ihrer Rolle aufzugehen erscheint. Während im Laufe der Handlung zwar viele Dinge angedeutet werden, aber nicht alles aufgeklärt wird, bleibt für das Publikum viel Interpretationsfreiraum. Schade ist nur, dass bestimmte Themen, wie beispielsweise die weibliche Selbstermächtigung, zwar für die Handlung substantiell erscheinen, dann jedoch doch nur oberflächlich angekratzt werden.

    „El prófugo“ schreibt das Thriller-Genre sicherlich nicht neu, handlungsmäßig gibt es auch ein paar Probleme und Hänger. Natalia Meta findet aber nichtsdestotrotz einen erfrischenden Zugang zum Thema, welches nicht nur mit einem glorreichen Finale punkten kann, sondern auch mit einer phänomenalen Hauptdarstellerin.
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    (Marion Schlosser)
    17.11.2020
    21:01 Uhr