Filmkritik zu Waves

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    What a difference a day makes...

    Exklusiv für Uncut
    Bereits in seinem vorangegangen Werk „It Comes At Night“ zeigte US-Regisseur Trey Edward Shults großes Interesse an Familendynamiken und den dabei entstehenden zwischenmenschlichen Konflikten - wenn auch verpackt in einem postapokalyptischen Horrorgewand. Auch in seinem aktuellsten Film mit dem simplen Titel „Waves“ rückt Shults abermals eine mehrköpfige Familie in den Vordergrund – Genre-Zutaten werden diesmal jedoch außen vor gelassen. In erster Linie handelt es sich hier um ein narrativ wie auch stilistisch experimentelles Familendrama, in der das Kinopublikum mit auf eine wilde Achterbahnfahrt der Gefühle genommen wird.

    Im Zentrum des Films steht die afroamerikanische Familie Williams, die in einer Vorstadt im Süden Floridas wohnhaft ist. Tyler (Kelvin Harrison Jr.), der 18-jährige Sohn der Familie, ist zwar unter seinen Mitschüler*innen äußerst beliebt, leidet aber zuhause unter dem Leistungsdruck, dem ihn sein strenger Vater Ronald (Sterling K. Brown) tagtäglich aussetzt. Der Teenager ist nämlich Teil des Wrestling-Teams seiner High School und treibt sich daher selbst andauernd zu sportlichen Höchstleistungen – mögen diese noch so selbstdestruktiv für seinen eigenen Körper sein. Als die Familie von einer folgeschweren Tragödie eingeholt wird, springt der Erzählfokus des Films von Tyler auf dessen jüngere Schwester Emily (Taylor Williams), die selbst ein Trauma zu verarbeiten hat.

    Beim Schauen des Films wird den meisten Zuschauer*innen vermutlich insbesondere die ungewöhnliche Erzählstruktur ins Auge stechen, an der sich die Geister jedoch gewiss scheiden werden. Shults‘ Drama ist nämlich in zwei Erzählhälften geteilt, die sich in ihrem Ton kaum unterschiedlicher anfühlen könnten. Während die erste Hälfte in ihrem rasanten Spannungsaufbau schon fast einer filmischen Panikattacke gleicht, die sich von Minute zu Minute immer weiter zuspitzt, kommt die zweite Hälfte im direkten Vergleich erstaunlich ruhig daher. So könnte die Erzählstruktur von „Waves“ streng genommen mit einer tatsächlichen Welle verglichen werden: Zunächst erhöht sich die Spannungskurve mit zunehmender Laufzeit, erreicht dann ungefähr in der Mitte seinen dramatischen Höhepunkt und kommt anschließend Schritt für Schritt zur Ruhe. Die zweite und deutlich entspannter geratene Erzählhälfte kann dementsprechend als Ruhe nach dem Sturm oder gar als langgezogener Epilog, in dem die tragischen Ereignisse, die sich im ersten Teil des Films zutragen, langsam verarbeitet werden, betrachtet werden. Den handelnden Figuren sowie auch uns als Publikum wird in dieser Form Katharsis geboten.

    Was sind denn nun aber die großen Stärken des Films?

    Unabhängig von der narrativen Struktur per se, ist es bemerkenswert, wie es Regisseur Shults gelingt, das komplexe Gefühlsleben seiner Protagonisten just mithilfe audiovisueller Spielereien nach außen zu tragen. Durch schlichte Bildformatwechsel, die besonders in der ersten Erzählhälfte zum Tragen kommen und immer an die jeweilige Stimmung des Films angepasst sind, werden die Emotionen der Figuren effektiv auf das Publikum transportiert. Je brenzliger die Situation für Tyler wird, desto schmaler und einengender wird das Bild. Die sonnengetränkten und farblich wundervoll kodierten Aufnahmen tun dazu ihr übriges.

    Der Soundtrack, der neben einem beklemmenden Originalscore von Trent Reznor und Atticus Ross aus bekannten R&B- und Hip-Hop-Nummern von Künstlern wie Frank Ocean, Kendrick Lamar oder Kanye West besteht, erhebt sich quasi zum eigenen Charakter im Film und harmoniert stets mit dem Gezeigten. Der populäre Jazz-Song „What a Diff'rence a Day Made“ kommt sogar in beiden Erzählhälften zum Einsatz und wird verwendet, um nochmal zu akzentuieren, wie die kleinsten Entscheidungen den Verlauf der Dinge drastisch auf den Kopf stellen können.

    Abseits der stilistischen Aufmachung gebührt der groß aufspielenden Riege an Darsteller*innen besonderes Lob. Allen voran Kelvin Harrison Jr. beeindruckt in der ersten Hälfte mit einer emotional aufgeladenen und körperlich fordernden Performance. Auch Sterling K. Brown weiß als strenger Familienvater mit weichem Kern auf voller Linie zu überzeugen. Taylor Russell und Lucas Hedges (letzterer taucht erst ab der zweiten Hälfte auf) glänzen hingegen mit natürlichem Spiel und glaubhafter Chemie.

    Was „Waves“ letztlich überhaupt konkret aussagen möchte, lässt sich jedoch nur schwer herausgreifen. Schlussendlich werden viele Themen wie unter anderem Ehrgeiz, toxische Männlichkeit, die Frage nach der Schuld, Vergebung oder am Rande sogar Abtreibung angeschnitten. In erster Linie ist Trey Edward Shults‘ experimentelles Familiendrama aber ganz klar als immersives Kinoerlebnis designt worden, das seine volle Wirkung am besten auf der großen Leinwand entfaltet. Für knapp zweieinhalb Stunden lässt uns Shults mithilfe inszenatorischer Tricksereien und phänomenaler Schauspieldarbietungen eine große Bandbreite an Emotionen rau und glaubhaft durchleben. Von Trauer zu Schock, von Schock zu Glückseligkeit, von Glückseligkeit zu Erleichterung: ein wahrhaftiges Wellenbad der Gefühle.