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    Die fabelhafte Welt der March-Schwestern

    Exklusiv für Uncut
    „Nouvelle Vague“-Altmeister Jean-Luc Godard meinte einst, dass eine jede Geschichte einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende benötige, jedoch aber nicht zwingend in genau dieser Reihenfolge. Dieses Zitat scheint sich Greta Gerwig für ihr zweites eigenes Regiewerk „Little Women“, bei dem es sich um die bereits siebte Verfilmung des gleichnamigen Romanklassikers von Louisa Mary Alcott handelt, zu Herzen genommen zu haben. Gerwig, die einst als Schauspielerin in der Indieszene durchstartete und vor zwei Jahren mit dem vielfach gefeierten Coming-of-Age-Drama „Lady Bird“ problemlos ins Regiefach wechseln konnte (dafür durfte sie sogar eine Oscarnominierung in der Kategorie „Beste Regie“ kassieren), hat in ihrer Adaption des Stoffes nämlich die Struktur des Originalromans ordentlich abgeändert. Anstatt die altbekannte Story, wie es bisher sonst der Fall war, linear zu erzählen, wechselt Gerwigs Neuinterpretation ständig zwischen zwei verschiedenen Zeitebenen hin- und her.

    Die Geschichte bleibt im Grundkern aber die gleiche wie eh und je:
    Im Vordergrund stehen die Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Amy (Florence Pugh), Meg (Emma Watson) und Beth March (Eliza Scanlen), die im 19. Jahrhundert inmitten einer von klaren Geschlechterrollen definierten Gesellschaft in New England aufwachsen. Die vier March-Schwestern könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein. Während Jo der wilde Freigeist der Familie ist und sich das Ziel vor Augen gesetzt hat, eines Tages Schriftstellerin zu werden, ist Meg eher zurückhaltend, Beth das gutmütige Gleichgewicht im Vierergespann und Amy die freche kleine Schwester, die noch ihren Platz in der Welt finden muss. Da der Familienvater aufgrund des Bürgerkriegs abwesend ist, verbringen die vier den Großteil der Jugend mit Leuten wie der eigenen Mutter Marmee (Laura Dern), ihrer wohlhabenden Tante (Meryl Streep) oder auch dem charismatischen Nachbarsjungen Laurie (Timothée Chamalet). Sieben Jahre später versuchen die nun erwachsen gewordenen Schwestern ihre Träume zu verwirklichen, was sich aber aufgrund der damals dominanten Geschlechterrollen als schwieriger erweist, als erhofft.

    Greta Gerwig ist mit ihrer zweiten eigenständigen Regiearbeit das Kunststück gelungen, aus dem bekannten Stoff ein Kostümdrama zu zaubern, das gleichzeitig klassisch und modernisiert daherkommt, trotzdem aber nie das Gefühl zur dargestellten Zeitepoche verliert. Erzählt wird die Geschichte auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen, die zwischen der gemeinsamen Jugend der Protagonistinnen im Elternhaus und deren Schicksale im Erwachsenenalter sieben Jahre später hin- und herspringen. Wer aber denkt, dass die andauernden Zeitsprünge nach einer Weile etwas mühsam werden könnten und jeglichen Erzählfluss zunichtemachen würden, liegt falsch. Das ebenso von Gerwig geschriebene Drehbuch schafft es nämlich auf elegantem Wege von der einen Zeitebene zur anderen zu wechseln und kreiert dabei stellenweise sogar intelligent eingefädelte Parallelen zwischen diesen. So nützt Gerwig das Zeitgimmick ihrer Verfilmung in einer der bewegendsten Sequenzen des Films beispielsweise dazu, Geschehnisse aus der Vergangenheit in der Gegenwart widerzuspiegeln.

    Damit man beim konstanten Wechseln der Timelines nie den roten Faden verliert, ließ man diese auch durch besondere ästhetische Merkmale voneinander abheben. Während die Szenen in der Jugend durch warme, prächtige Farben gekennzeichnet werden, wurde für jegliche Momente in der Gegenwart bewusst eine deutlich kältere Farbpalette gewählt. Allgemein beweist Gerwig in ihrer neuen Regiearbeit (vor allem nachdem ihr Vorgängerwerk „Lady Bird“ optisch eher unaufgeregt daherkam) ein unglaubliches Auge für Stil und Ästhetik. Von der bereits erwähnten Farbgebung, die stets passend das Narrativ untermalt, über geradezu gemäldehafte Aufnahmen des französischen Kameramanns Yorick Le Saux, bis hin zum opulent gestalteten Kostüm- und Szenenbild – auch auf visueller Ebene gelingt es dem Film, den Flair der porträtierten Ära authentisch einzufangen und wiederzugeben.

    Was die Neuverfilmung von Acotts Romanklassiker aber besonders aus dem Sammelsurium an historisch angehauchten Kostümdramen der vergangenen Jahre herausstechen lässt, das ist der empathische Zugang, den Gerwig zu den Figuren der Geschichte gefunden hat. Ohne auch nur einen Hauch von aufgesetztem Kitsch und Pathos, gelingt es der Buchadaption sich seinen Hauptfiguren mit beachtlichem Feingefühl anzunähern und deren Sorgen und Ängste in einer männerdominierten Welt glaubhaft rüberzubringen. Obwohl der Film im Großen und Ganzen definitiv als Drama zu klassifizieren wäre, bringt es Gerwigs Drehbuch zustande, die Zuschauer mit einem warmherzigen Gefühl aus dem Kinosaal zu entlassen, ohne aber den Eindruck eines plumpen Feel-Good-Movies zu erwecken. Dies dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass sich das Historiendrama in seinen 135 Minuten Lauflänge genug Zeit dafür nimmt, die Dynamiken innerhalb der Familie süffisant aufzubauen, um so die Höhen und Tiefen der March-Schwestern glaubhaft und voller rauer Emotion vermitteln zu können. Aber auch das hervorragende Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt, das durchgehend stimmig bleibt, trägt dazu bei, selbst die zuckersüßesten Glücksmomente im Film befreit von unglaubwürdigem Kitsch wiederzugeben.

    Das phänomenale Schauspielensemble tut dafür sein Übriges. Hauptdarstellerin Saoirse Ronan, der für die hinreißende Darstellung der anstrebenden Schriftstellerin Jo berechtigterweise ihre bereits vierte Oscar-Nominierung zuteilwurde, blüht in ihrer Rolle regelrecht auf. Ronan schafft es die Ängste und Sorgen aber auch die Freuden und Freiheiten, die sich die selbstbestimmte Jo innerhalb der vorherrschenden patriarchalen Strukturen erkämpft, durchwegs überzeugend darzustellend. Ähnlich beeindruckend sind die wunderbare Florence Pugh (u.a. „Midsommar“, „Fighting with My Family“), die für ihre beachtliche Darbietung der rebellischen Amy mit ihrer allerersten Oscarnominierung geehrt wurde, wie auch Newcomerin Eliza Scanlen, die Schwester Beth mit angenehmer Subtilität und Ruhe mimt. Ergänzt wird die Besetzung von Leuten wie Laura Dern, Timothée Chalamet, Meryl Streep, Louis Garrel oder Bob Odenkirk, die allesamt in Nebenrollen ebenso zu schauspielerischen Glanzleistungen auflaufen. Lediglich Ex-„Harry Potter“-Star Emma Watson kann den restlichen Darsteller*innen sichtlich nicht ganz das Wasser reichen, macht aber trotzdem einen insgesamt passablen Job.

    Zusammengefasst kann man also sagen, dass Greta Gerwig mit ihrer Neuverfilmung von „Little Women“ eindrücklich bewiesen hat, alles andere als eine Eintagsfliege zu sein. Gerwig spielt in ihrem rundumgelungenen Zweitwerk als Filmemacherin gekonnt mit dem Empfinden von Zeit, durchbricht geschickt klassische Konventionen des Kostüm- und Historienfilms und nähert sich den handelnden Figuren mit warmherziger Empathie an, ohne aber in manipulativen Pathos abzurutschen. Garniert wird das alles von einer herausragenden Schauspielerriege und einer überwältigenden Visualisierung, die zu jeder Minute Hand in Hand mit dem Erzählten geht.

    Warum Gerwig trotz ihrer fantastischen Leistung diesmal nicht mit einer wohlverdienten „Beste Regie“-Nominierung bei den Oscars honoriert wurde? Man müsste wohl die Academy fragen…