Bilder: Stadtkino, Neue Visionen Filmverleih Fotos: Stadtkino, Neue Visionen Filmverleih
  • Bewertung

    Wo die wilden Bienen wohnen

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die Regisseure Tamara Kotevska und Ljubo Stefanov haben mit ihrer Crew über drei Jahre hinweg an diesem Wunderwerk von Film gearbeitet. Er zeichnet das Leben zweier Familien, die in Bekirlijia, einem abgeschiedenen Dorf, aufeinandertreffen, auf. Hatidze ist eine gestandene Frau, die sich um ihre Mutter genauso liebevoll und ruppig kümmert wie um ihre Bienen, die sie von weit herholt, um natürlich Honig zu produzieren, den sie dann zu Fuß in die Stadt verkaufen geht.

    Der Zuseher ist vom ersten Moment an bei dieser Frau, wenn die Kamera sie ganz klein über eine Ebene wandern lässt, sie dann mit jeder Einstellung größer und präsenter macht, ihr von hinten folgt, als sie an einem schmalen Grat ein Bienennest aufspürt und aufmacht. Beim Close-up auf ihr so sprechendes Gesicht ist es um uns geschehen. Wir wollen mit ihr weitergehen.

    Der Zuseher ist auch bei Hatidze, wenn sich ihre Welt durch die neuen Nachbarn verändert. Wenn auf einmal Trubel in die Ruhe einbricht, Rinderhufe, die den Boden zerwühlen, Kinderschreie und -glucksen. Ist dabei, wenn Hatidzes Lachen und Tanzen zunimmt (nicht zuletzt durch die selbstgebastelte Antenne, die die Familie an ihren Campingwagen hängt, um Radio zu hören), aber auch ihr Stirnrunzeln.

    Die Ankunft der türkischen Familie Sam im Dorf gibt Hatidze eine Möglichkeit, ihr Wissen an die nachfolgende Generation weiterzugeben, aber bringt auch den natürlichen Lebensrhythmus, den sie für sich gefunden hat, durcheinander. Besonders, als der Familienvater Hussein, der viele Mäuler zu stopfen hat, beschließt, auch ins Honiggeschäft einzusteigen. Hatidze unterstützt ihn anfangs und besonders sein Sohn lernt von ihr viel über die natürliche Bienenzucht. Da der Vater Hussein aber möglichst viel Profit herausschlagen will, hält er sich nicht an die wichtigste Regel, den Bienen die Hälfte des Honigs zu lassen, damit sie gut überleben. Sonst beginnen nämlich die Bienen, denen man zu viel Honig weggenommen hat, bei anderen Bienen Honig zu stehlen und sie zu töten. Als sie in ihrem Bienenstock tote Bienen findet, bangt Hatidze um ihre Lebensgrundlage und bittet Hussein aus dem Honiggeschäft auszusteigen.

    Sehr spannend wird hier auf der einen Seite ganz ohne erhobenen Zeigefinger eine Welt, in der Fortschritt automatisch mit Geldbeschaffung ohne Rücksicht auf Verluste gleichgesetzt wird, beschrieben, das Urteilen überlässt der Film aber dem Zuschauer, er begleitet nur.

    Gleichzeitig wird andererseits parallel die Beziehung Mutter-Tochter und Vater-Sohn dokumentiert und die Verbindlichkeiten, die eine Familiengemeinschaft mit sich bringt. Während Hatidze für ihre Mutter alles tut und auch vieles aufgegeben hat begehrt in der Familie Sam der Junge gegen seinen Vater auf. Er sieht, dass die traditionelle Art des Bienenräucherns und die Wertschätzung dem Lebewesen und nicht der Ressource Biene gegenüber einen anderen und besseren Umgang ermöglicht und man so ganz nebenbei auch weniger gestochen wird.

    Bei der Viennale ist auch der Kameramann Samir Ljuma anwesend, der erzählt, dass es zwei unterschiedliche Filmpremieren in Nordmazedonien geben musste, da die beiden Familien mittlerweile vor Gericht gegeneinander prozessieren. Das Filmteam hat den Kontakt aber mit beiden Seiten aufrechterhalten und unterstützt beide Seiten so gut es geht. Denn auch die materiellen Versorgungsnöte als Familienvater von acht Kindern seien ihnen sehr nachvollziehbar.

    Mich hat dieser Dokumentarfilm sehr berührt, man spürt die Ängste, den Stolz, die Gleichgültigkeit, die Zuneigung und Abneigung der Protagonisten untereinander. Man spürt die Ruhe und Geduld von Hatidze, die den Film trägt. Die Landschaftsaufnahmen, aber auch die Aufnahmen der Gesichter nehmen einem den Atem. Mehrmals hat mich auch die Schonungslosigkeit von Szenen beeindruckt, beispielsweise wenn die Tochter der türkischen Familie in den Fluss fällt und sehr viel Wasser schluckt. Dass die Kamera hier weiterfilmt ohne abzubrechen fand ich hart, aber diese Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit im Umgang mit den Protagonisten hat mir auch sehr gefallen.

    Man merkt eben, wie Samir Ljuma nach der Vorstellung erzählt, dass in dieser langen Zeit die Mitglieder des Kamerateams für die Protagonisten fast zu Familienmitgliedern geworden sind. Wer einen Dokumentarfilm sehen möchte, der einen wirklich in die Welt, die er dokumentiert, hineinzieht, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen, auch wenn er vielleicht nicht unbedingt gerne Honig isst.
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    (Irene Hetzenauer)
    05.11.2019
    23:42 Uhr
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