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  • Bewertung

    Rian Johnsons glorreiche Murder-Mystery

    Exklusiv für Uncut
    Regisseur Rian Johnson galt einst noch als aufsteigender Stern am Independent-Himmel. Mit seinem eigens finanzierten Spielfilmdebüt, der mit geringem Budget ausgestatteten Neo-Noir-Mysteryfilm „Brick“, konnte Johnson im Jahre 2005 weltweit Cineasten begeistern. Seine zwei Folgefilme „The Brothers Bloom“ (2008) und „Looper“ (2012) wurden ebenfalls wohlwollend aufgenommen und stellten Johnsons Vielseitigkeit als Filmemacher deutlich unter Beweis. Nachdem Johnson Anfang der 2010er-Jahre auch ein paar Episoden der sehr beliebten AMC-Serie „Breaking Bad“ inszenieren durfte, wurde der ehemalige Filmstudent mit einem ganz besonderen Projekt beauftragt: der achten Episode der sagenhaften „Star Wars“-Reihe. Lange Rede, kurzer Sinn: Johnsons „Star Wars: The Last Jedi“ teilte die Gemüter wie kaum ein Teil der Saga zuvor und musste für seine mutigen Entscheidungen auf narrativer Ebene vor allem online viel Häme einstecken (obwohl sich der Autor dieser Kritik ganz klar zu den Fans besagten Films zählt).

    Bevor sich nun aber ein paar YouTube-Neckbeards und –Verschwörungstheoriker weiterhin daran auslassen, wie Johnson doch vermeintlich deren ‚Kindheit ruiniert‘ hätte, meldet sich der talentierte Filmemacher vorerst mit einem Herzensprojekt zurück: der Murder-Mystery „Knives Out“. Johnson, der sich als großer Liebhaber der Werke Agatha Christies bezeichnet, hat mit seinem neuesten Film einen zeitgenössischen Take auf den ‚Whodunit‘ geschaffen. Herausgekommen ist hier eine Murder-Mystery, die einerseits klassisch daherkommt, andererseits aber auch fürs Genre völlig ungewöhnliche Wege eingeht und dafür einen außerordentlich originellen Ansatz findet. Das fertige Ergebnis kann sich mehr als nur sehen lassen.

    Zunächst aber mal: Worum geht es denn überhaupt?

    Bei „Knives Out“ handelt es sich um einen dieser Filme, bei denen es besser ist, wenn man im Vorhinein so wenig wie nur möglich über den eigentlichen Plot weiß, da man andauernd mit neuen Entwicklungen und unerwarteten Wendungen bombardiert wird. Was aber gesagt werden darf ist, dass das Grundgerüst der Rahmenhandlung durch den plötzlichen Tod des Krimiautors und Familien-Patriarch Harlan Thrombey (Christopher Plummer), der am Tag der Feier seines 85. Geburtstags plötzlich leblos aufgefunden wird, losgetreten wird. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Thrombey ermordet wurde, weswegen der bekannte Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) angeheuert wird, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Rest der wohlhabenden Familie - darunter unter anderem Harlans Schwiegertochter Joni (Toni Colette), dessen älteste Tochter Linda (Jamie Lee Curtis) und sein Enkel Ransom (Chris Evans) - meint nichts vom Mord mitbekommen zu haben und scheint ohnehin viel mehr am Erbe des steinreichen Patriarchs als an den Gründen für dessen Ableben interessiert zu sein. Während Blanc mithilfe der Polizisten Lieutenant Elliot (Lakeith Stanfield) und Trooper Wagner (Noah Segen) versucht, den mysteriösen Mordfall zu lösen, gerät er in ein Netz voller Lügen und Intrigen, in dem wenig so ist wie es zunächst scheint.

    Was „Knives Out“ so besonders macht ist, dass – obwohl sich Johnson gekonnt altbekannter Zutaten der Murder-Mystery bedient und sogar klassischen Hercule-Poirot-Verfilmungen (u.A.: „Tod auf dem Nil“) Tribut zollt – die klassische Erzählstruktur des Whodunit durchbrochen und dem Genre so ein frischer Anstrich verpasst wird. So ist hier ein Film entstanden, der zwar in seinem Grundkern wunderbar als Murder-Mystery zum Mitraten funktioniert, gleichzeitig aber auch so viele verschiedene Genres abdeckt, dass sich das Gesamtwerk nur schwer kategorisieren lässt. Während weite Teile eher dem komödiantischen Fach zuzuordnen wären, entpuppt sich der Film streckenweise sogar als Hochglanz-Thriller, bei dem Johnson durch geschickt platzierte Stilmittel eine Spannung aufbaut, die der eines Hitchcock-Films ähnelt. Johnson spinnt hier ein komplexes aber minutiös konstruiertes Narrativ, das von vorne bis hinten unvorhersehbar bleibt und dem gegen Ende sogar der Drahtseilakt gelingt, alle verstreuten Hinweise und etablierten Handlungsstränge intelligent zusammenzuführen. Dabei schafft es die Murder-Mystery nebenbei auch noch aktuelle gesellschaftliche Themen anzusprechen und fängt perfekt den Zeitgeist der Trump-Ära ein. Besonders die Thematiken Klassenkampf und Migration wurden aktiv in den Plot mit eingebunden. „Knives Out“ ist somit neben „Parasite“, „Us“ oder auch „Ready or Not“ einer der Filme dieses Jahr, der die unfaire Schere zwischen Arm und Reich anspricht und der snobistischen Reichengesellschaft auf smartem wie auch unterhaltsamem Wege den Spiegel vorhält. Die sensationelle Besetzung tut dabei ihr übriges, um den abstrusen Charakteren der Familie Leben einzuhauchen.

    Ob nun Toni Colette als heuchlerische Influencerin, Michael Shannon als Harlans jüngster aber kaum weniger egozentrisch veranlagter Sohn, Jamie Lee Curtis als hinterlistige Immobilienkönigin oder auch Jaden Martell als Enkelkind, das sich online in die Alt-Right-Szene verirrt hat – jede der Figuren aus der Familie bekommt Zeit zu glänzen und darf für einige Lacher sorgen. Von den Charakteren der Thrombey-Familie sticht jedoch am meisten Marvel-Star Chris Evans heraus, der sich als Enkelsohn Ramsey von einer anderen Seite präsentieren kann, als man es vom Sonnyboy sonst so gewohnt ist. Abseits der Familen-Figuren weiß vor allem aber auch Daniel Craig die Show zu stehlen. Nach seiner Rolle in „Logan Lucky“ beweist der „James Bond“-Star einmal mehr wie gut ihm ultra-exzentrische Figuren mit karikierten Südstaaten-Akzent stehen. Der wahre Star des Films ist jedoch Ana de Armas als Harlans Pflegerin Martha, die mit ihrer beeindruckenden Tour-de-Force-Perfomance binnen kürzester Zeit die Sympathien des Publikums für sich gewonnen haben wird und dafür völlig zu Recht vergangene Woche eine Golden Globe-Nominierung ergattern konnte. Martha ist das Herz und die Seele des Films, an der sich auch Johnsons sympathischer Glaube an das Gute im Menschen abzeichnet.

    Neben allen bereits erwähnten Stärken weiß die ungewöhnliche Murder-Mystery auch auf inszenatorischer Ebene absolut zu überzeugen. Wunderschön gefilmte und belichtete Aufnahmen, ein detailreich ausgestattetes Szenenbild, stylishe Kostüme (und Sweater) und ein Hochspannungs-Score, der die Suspense des Geschehens sogar verstärkt: Johnson darf auch auf technischer Seite abermals sein Können als Regisseur unter Beweis stellen.

    Was lässt sich also noch groß sagen?

    Rian Johnson beweist mit „Knives Out“ seinen Feinden nicht nur, dass jeglicher Hass seiner Person gegenüber völlig unangebracht war, sondern hat hier auch noch sein bis Dato vermutlich gelungenstes Werk sowie einer der besten Filme des Jahres gedreht. Johnsons smarte Murder-Mystery ist gleichzeitig ein unfassbar unterhaltsamer und wendungsreicher Whodunit in bester Agatha Christie-Manier geworden, wie auch eine originell verschachtelte und überraschend doppelbödige Variation auf dem Genre, die zudem auch noch als Klassenkampf-Parabel gelesen werden kann.

    Wie Benoit Blanc selbst vermutlich sagen würde: Ein schmackhafter Donut innerhalb eines mindestens genauso schmackhaften Donuts, der ganz ohne größere Löcher auskommt.