Filmkritik zu The Climb

Bilder: Thim Filmverleih Fotos: Thim Filmverleih
  • Bewertung

    It’s a comedy, so you’ll laugh. If you don’t, it’s a drama.

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Mit diesem Satz begrüßen der Regisseur, Autor und Schauspieler Michael Angelo Covino und Co-Autor Kyle Marvin, der für diesen Film zum ersten Mal vor der Kamera stand, die Viennale-Zuseher zum Screening. Und man kann nicht umhin, nicht zu lachen, wenn die Geschichte dieser Männerfreundschaft, die eindeutig sehr viel mit der realen Freundschaft der beiden zu tun hat, vor einem dahinruckelt.

    Zuerst den Berg hinauf auf zwei Fahrrädern, in einer langen Einstellung, in der Mike Kyle gesteht, dass er mit dessen zukünftiger Frau geschlafen hat. Kyle, der schweißgetränkt dem viel sportlicheren Mike hinterherfährt und versucht, ihn einzuholen „I’ll kill you.“ Der dann aber doch bereit wäre, ihm zu vergeben, wenn es nicht noch schlimmer kommen würde.
    Der Film ist in acht Episoden unterteilt, die ein Titel einleitet, von „I’m sorry“ zu „Grow Up“ geht die Palette. Die Episoden, die teils große Zeitspannen überwinden, werden durch Musik- und Tanzeinlagen voneinander abgesetzt. Das geschieht aber weder wie in einem Musical, noch wirkt es übertrieben oder langweilig. Die Künstler wurden nämlich sehr bewusst ausgewählt. Den Friedhofsarbeiterchor, der bei der Bestattungsszene (ja, es gibt auch eine Bestattungsszene!) singt, haben die beiden Autoren beispielsweise in der New Yorker U-Bahn aufgetrieben.

    In den acht Episoden verfolgt man die Höhen und Tiefen der Freundschaft von Kyle und Mike. Gleichzeitig aber auch das irgendwie typische und untypische Leben von zwei Männern in Amerika, die aus einer Kleinstadt in Upstate New York stammen. Die Charaktere, die ihre Leben prägen. Kyle hat eine große liebevolle, aber ihn auch sehr bemutternde und einschränkende Familie, die zu Mikes Ersatzfamilie geworden ist. So wird er trotz seines Fauxpas von Kyles Mutter an Weihnachten zu ihnen nach Hause eingeladen. Nach außen hin rein aus gutem Willen, aber eigentlich soll er Kyle davon abhalten, seine neue Freundin Marissa zu heiraten, die alle geschlossen unausstehlich finden.

    An Weihnachten betrinkt sich Mike also im Auto und betritt dann das Haus von Kyles Familie. Die Kamera folgt Mike nicht ins Haus, sondern bleibt vor den Fenstern und der Hausmauer, geht von Fenster zu Fenster mit, wenn Mike sich von Zimmer zu Zimmer bewegt. Man hört die Dialoge der Menschen im Haus, drinnen ist es licht und hell, draußen dunkel. Alles passiert in einer einzigen Einstellung. Der Film hat nur wenige aber extrem lange Kameraeinstellungen (insgesamt ungefähr 15 an der Zahl), die mit einer Präzision und Leichtigkeit gedreht scheinen, die wirklich fasziniert.

    Das Haus musste übrigens wie das Haus, in dem Michael Angelo Covinos Großmutter gewohnt hatte, sein und es dauerte lange, bis das Richtige gefunden war. Es hatte einer kürzlich verstorbenen alten Dame gehört. Nach dem Dreh wurde es abgerissen.
    Entstanden ist der Film aus einer Kurzfilmidee heraus, die Michael Angelo Covino beim Radfahren hatte. Der Kurzfilm (die Anfangsszene auf dem Berg) wurde in Sundance gezeigt und kam so gut an, dass die beiden die Idee ausgebaut und innerhalb von zwei Monaten das Drehbuch geschrieben haben. Die Einstellungen wurden minutiös geplant, Dialog, Geräusche, Bild und Farben passen nahtlos ineinander. Sie wurden aufgrund des limitierten Budgets auch recht rasch gedreht. Der Kameramann Zach Kuperstein hat hier ausgezeichnete Arbeit geleistet.

    Die schauspielerische Leistung von Kyle, Mike und Marissa (Gayle Rankin), die Kyles High School-Sweetheart und (zweite) Zukünftige verkörpert, ist genauso auffallend. Kyle Marvins Antwort auf die Frage, wie es für ihn war, zum ersten Mal in seinem eigenen Film vor der Kamera zu stehen (bisher war er Produzent), trifft den Geist des Films und dieser Männerfreundschaft: „Someone had to discover me. In the end I had to discover myself.“ Michael Angelo Corvino möchte mit dem Film den Zuschauer durch die Linse auf die Suche nach den Charakteren der Darsteller schicken. Er will die Veränderung der Personen so darstellen, dass sie mehrdimensional werden, in den Handlungsextremen Gutes und Schlechtes sichtbar wird. Will bei allen handelnden Personen ihre Ecken und Kanten, ihre Rundungen und ihr Liebenswertes zeigen.

    Das gelingt dem Film, er ist lustig, hart, traurig, und wieder lustig, dabei aber niemals seicht. Altmanns Filme haben die beiden Autoren inspiriert, aber auch Claude Sautet und Eric Rohmer. Auch dem französischen Chanson kommt eine prominente Rolle zu.
    Alles in allem ist „The Climb“ ein Film, der funktioniert. Als ich mich in den Kinosessel zurückgelehnt hatte, war ich noch skeptisch, ob denn diese Männerfreundschaft nicht zum Slapstick verkommen würde. Aber ich wurde äußerst positiv überrascht.

    Denn das ist der Film: Die Geschichte einer Männerfreundschaft. Einer, die gebeutelt wird, durchgerüttelt wie ein gut gemixter Cocktail, der einen am Ende illuminiert zurücklässt. Ein wenig schwankend. Mit leichten Doppelbildern. Aber in bester Stimmung.
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    (Irene Hetzenauer)
    07.11.2019
    14:14 Uhr
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