Filmkritik zu Oroslan

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Was übrigbleibt ist eine Geschichte

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Oroslan. Weißer Name auf schwarzem Grund. Ein Spitzname. Auf Ungarisch heißt es Löwe. Aber hier ist der Name Slowenisch. Trotzdem soll der Löwennachmacher mitschwingen und all das, was in so einem Spitznamen noch enthalten sein kann.
    Der Film des slowenischen Regisseurs Matjaž Ivanišin beginnt in der Landschaft. Ein verschlafenes Haus in einer kargen Umgebung, über dem der Nebel hängt. Zwei Menschen, die an einer Mauer lehnen. Dampfschwaden in einer Großküche. Schöpflöffel, die Speisen in runde Tupperware einfüllen, ein jedes Gefäß mit einem andersfarbigen bunten Deckel. Ein weißes Auto, das die einsame Straße entlangfährt und die Speisen an ihre Bestimmungsorte bringt. Soundtrack nur das Knirschen der Reifen, die über die Straße rauschen. Das bunte Plastik der Deckel bricht sich mit dem verwaschenen Holz der Briefkästen und Haustore, wo die Speisen abgestellt werden und darauf warten, abgeholt zu werden. Häuser, die abblättern, verwaschen sind, die Tiere und alte Menschen beherbergen, die selbst nicht mehr kochen. Sehr starke langsame Bilder lässt der Regisseur hier stehen, perfekt komponiert, in einem Rhythmus, der, wie er auch selbst sagt, das Atmen nachahmt. Man atmet mit der Landschaft.

    So zieht einen der Film in dieses Dorf hinein, mit den wenigen Häusern, der Bar im Zentrum, wo etwas passieren wird. Oroslan wird sterben. Wir werden es nicht sehen, es ergibt sich aus dem, was rundherum passiert. Es werden Stiefel knirschen. Die Ente, die an der Barwand hängt, wird ihren Kopf zur Mauer drehen. Der Hund wird im Kreis herumlaufen. Jedes Bild, jeder Ton hat seinen Platz in dieser Geschichte, malt ein Bild.
    Das erste gesprochene Wort wird ein Name sein.

    Der Film, der in Locarno Premiere hatte, kommt fast ohne Musik aus, er lebt durch die Geräusche und Bilder der Umgebung, die Dialoge und Ausdrücke auf den Gesichtern der Menschen. Der Dialekt, der in dem Dorf gesprochen wird, ist auch in Slowenien ohne Untertitel nicht verständlich. Der Regisseur hat bewusst einen Ort ausgewählt, wo sogar die Sprache etwas ist, das langsam ausstirbt.

    Ivanišin hat bisher Dokumentarfilme (Karpotrotter, Playing Men) und Kurzfilme gedreht. Oroslan ist sein erster Langfilm, in dem er eine fiktive Welt erschafft. Inspiriert ist der Film von der Kurzgeschichte „And that’s exactly how it was“ von Zdravko Duša, die den Regisseur persönlich berührt hat.

    Der Film vereint dokumentarische Elemente mit Geschichtenerzählen. Wie der Regisseur selbst sagt, hat er den ersten Teil stark strukturiert und vorgegeben. Im letzten Teil hingehen konnten die Laiendarsteller aus dem Dorf, das nahe der Grenze in Ungarn liegt und das er als Ort für seinen Dreh auserkoren hatte, sich selbst einbringen. Sie kannten die Kurzgeschichte nicht. Ihnen wurde erzählt, wer Oroslan ungefähr sein soll und sie haben ihre eigenen Geschichten in die Erzählung verwoben. Der Regisseur hat das Dorf nicht zuletzt wegen der Gesichter seiner Bewohner gewählt, die auch immer wieder in Großaufnahme zu sehen sind, und die in den Kanten, Ecken und Falten selbst schon Geschichte sind. Im ersten Teil ist es Herbst, dann wird es Winter. Im letzten Teil wird es Frühling. Die Welt wacht wieder auf.

    So erzählt der Film mehr als nur das Leben und Sterben einer Person, er erzählt die Geschichte der slowenischen Minderheit mit, die gerade in dieser Dorfgemeinschaft in Ungarn wohnt, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, er fängt auch ein, was der Mensch am besten kann, nämlich Geschichten erzählen. Solange wir eine Geschichte haben, die uns allen gemeinsam ist, eine Gegend, die uns prägt, eine Gemeinschaft, die sich an uns erinnert, wird es immer irgendwie weitergehen.

    Ein wunderschöner und sehr starker Film, der minutiös geplant wurde und in dem kein Detail dem Zufall überlassen ist. Der Film beschert nicht eine Sekunde Langeweile, obwohl die Bilder langsam und verhalten sind, und Ivanišin oft lange bei einem Bild oder einer Szene verweilt. Großartig die Szene im Schlachthaus, wo Arme Beile und Messer schwingen und riesige Fleischstücke auseinanderhacken. Bis jetzt ist dieser Film mein Favourite bei der Viennale.
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    (Irene Hetzenauer)
    02.11.2019
    10:57 Uhr
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