Filmkritik zu Giraffe

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Dein Echo im Stein

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die Giraffe aus dem Titel begegnet uns gleich in der ersten Einstellung dieses Films, der sich wie viele dieser Viennale im Bereich zwischen Dokumentarfilm und Fiction bewegt. Wie die Regisseurin Anna Sofie Hartmann, die selbst ähnlich ihrer Hauptfigur die Kindheit in Dänemark verbracht hat, im Publikumsgespräch erklärt, lebt diese Giraffe dort im Safaripark und ist somit Metapher für die Entwurzelung eines Lebewesens, für die Suche nach einer Heimat in einer fremden Umgebung.

    Ich muss gestehen, dass ich diese Assoziation zwar nachvollziehen kann, sie mir aber selbst so nicht gekommen wäre. Ich habe die Giraffe mit der Figur der Hauptdarstellerin Dara (einer großartigen Lisa Loven Kongsli) assoziiert, die auch so schlank und schön wie das Tier ist, einen langen eleganten Hals hat, und unnahbar wirkt, die Dinge also, wie eine Giraffe, von außen und oben betrachtet. Den Link zur Heimatferne hätte ich so nicht gemacht, obwohl natürlich auch die Protagonistin weit von der Heimat ist, wenn man Berlin als ihre jetzige Heimat ansieht, aber doch auch gleichzeitig in ihre Heimat zurückgekehrt ist, die aber vielleicht eben keine Heimat mehr sein kann.

    Die Regisseurin Anna Sofie Hartmann erzählt uns anhand einer realen Situation, nämlich dem bevorstehenden Tunnelbau zur Verbindung von Deutschland und Dänemark, ein modernes Märchen über die Flüchtigkeit von Orten und Gefühlen.

    Daria ist eine Frau Ende Dreißig, die in der Dokumentationsarbeit von Bauernhäusern, die bald nicht mehr stehen werden, eine Auszeit von ihrem Leben in Berlin nimmt, wo sie von Künstlern umgeben ist, und auch eine Beziehung hat. Sie fotografiert Fotos, Menschen, Gegenstände, Häuser, die demoliert werden, führt Gespräche, tippt Interviews ab. Sie verliebt sich in ein Haus, das sie verlassen vorfindet, das Dach von wildem Wein bedeckt, die Wände abgeblättert und mit Patina, in dem noch Bücher stehen, ein Klavier, Möbel, Pflanzen aus dem Garten hereinwachsen. Sie blättert in dem, was geblieben ist, und findet ein Tagebuch, macht sich auf die Suche nach den Spuren der Frau, die dieses Tagebuch geschrieben hat. Daneben beginnt sie eine Affäre mit dem um über zehn Jahre jüngeren blonden polnischen Arbeiter Lucek (Jakub Gierszał), der wie sie weit weg von der Heimat Glasfaserkabeln verlegt.

    Die Liebe zum Haus wie auch die Liebe zu Lucek haben von vornherein ein Ablaufdatum. Es ist wie ein alternatives Leben, in das sie kurz abtaucht, aus dem sie aber auch wieder auftauchen wird (müssen).

    Der Film erzählt eine Geschichte des Wandels, der Vergänglichkeit und des Verlustes, und da, wo man ihn als ein modernes Märchen bzw. Nicht-Märchen versteht, funktioniert er gut. Er hat eine großartige Bildsprache und Kameraführung, und sehr starke Einstellungen und Kontraste. Wenn man von innen z.B. den Abriss eines Hauses verfolgt, in dem noch ein schwarzer Ofen steht, oder die Ankunft der Fähre von innen durch die Luke miterlebt, die sich gegen die Mole hin öffnet, ist man sofort direkt im Geschehen. Der Film nimmt sich aber auch heraus, lange auf einem Abschnitt Meer oder einer Hausmauer stehenzubleiben. Sehr stimmig sind auch die Szenen, wo die Bilder pixelig werden, wenn über Skype eine große Entfernung überbrückt werden muss, und man den anderen zwar sieht, aber ihn nicht wirklich präsent haben kann.

    Eine Schwierigkeit der Films liegt für mich allerdings in der Verbindung der dokumentarischen Elemente mit der fiktiven Erzählebene. Das funktioniert dort gut, wo die Protagonistin mit dem Materiellen, das verschwinden wird, und den Familien und Farmern, die weggehen müssen, in Kontakt kommt, sich auf die Suche nach mehr macht, nach etwas, was sie einfangen kann. Dort, wo es um die Romanze geht, funktioniert es weniger. Auf der einen Seite steht da eine Liebesgeschichte, in der die Idee eines jungen hübschen Arbeiters verklärt wird, auf der anderen Seite stehen echte polnische Arbeiter, die in Dänemark ihr Handwerk ausüben, und einen Teil ihrer Geschichten erzählen. Das war für mich zu schön, zu heil alles, auch da, wo sie Bier miteinander trinken und scherzen. Es wirkt wie eine Phantasie, wie das denn in so einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft zugehen könnte oder sollte. Mir fehlt da etwas, das in die Tiefe geht, vielleicht auch eine reale Härte untereinander.

    Ein bisschen rätselhaft, obwohl sehr gelungen, ist mir auch Käthe (Maren Eggert) geblieben, die Frau, die immer wieder zu sehen ist, wenn jemand die Fähre nimmt. Ist diese Person, die auf der Fähre arbeitet, andere beobachtet, und sich deren Geschichten im Kopf zu Ende denkt, ein weiteres Alter Ego der Regisseurin? Ihre Rolle in der Geschichte bleibt unklar. Aber dass ein Film Dinge offenlässt, die einen weiterdenken lassen, spricht natürlich auf keinen Fall gegen ihn.

    Im Ganzen war Anna Sofie Hartmanns Film für mich ausgesprochen sehenswert, die Schauspieler überzeugend, die Bildsprache ausdrucksstark, die Aufnahmen von einer zarten, teils kargen, teils harten, teils melancholischen Schönheit. Der Film ist rhythmisch aufgebaut und nimmt den Zuseher mit. Wer ein Märchen über die Vergänglichkeit sehen möchte, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen.
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    (Irene Hetzenauer)
    03.11.2019
    10:44 Uhr
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