Filmkritik zu Spiel ohne Regeln

Bilder: Sony Pictures Fotos: Sony Pictures
  • Bewertung

    Den Male Gaze im Blick behalten

    Exklusiv für Uncut
    Die Neuverfilmung des gleichnamigen Stoffes von 1974 ist eine Happy-Madison-Produktion und der Herr der schlechten Witze ist auch vor der Kamera dabei. Adam Sandler, selbst großer Fan der Pittsburgh Steelers, spielt den ehemaligen Football-Quarterback Paul Crewe, der betrunken und aufmüpfig von der Polizei während einer Autofahrt erwischt wird. Im Zuge des Autounfalls von Henry Ruggs (First Round Pick 2020 von den Las Vegas Raiders) vor wenigen Monaten am 02.11.2021, der tödliche Folgen für eine in den Unfall verwickelte Frau hatte, bleiben einem hier die Lacher im Hals stecken. Inwieweit eine Verfolgungsjagd unter Alkoholeinfluss lustig sein kann, entzieht sich hier dem gesunden Menschenverstand.

    Crewe wird ins Gefängnis gesteckt und muss kurze Zeit später ein Footballteam aus Gefängnisinsassen aufbauen, um für ein Testspiel gegen das Wärterteam, das in einer eigenen Liga spielt, herzuhalten. Hey, dieses Rezept kommt uns schon bekannt vor: Teamaufbau, Training, Endspiel, und das alles unter schwersten Bedingungen. Mit dem großen Spiel im Hinterkopf muss Crewe ein Casting durchführen, um Spieler zu finden und diese dann zu einem Team mit Footballspirit zu formen. Natürlich passieren aufgrund der skurrilen Figuren diverse Albernheiten, die jedoch nur geringfügig unterhalten. Auch ein Rückschlag darf nicht fehlen, um den Sieg im Endspiel noch unwahrscheinlicher zu machen, als der Gefängnisdirektor (James Cromwell) das Spielfeld wässert und das Training erschwert. Zumindest vertröstet der Score ein wenig und untermalt die Trainingsszenen durch Hip-Hop- und Rock-Stücke, insbesondere die genannte Trainingswasserschlacht wird durch „Have you ever seen the rain“ aufgewertet. Bei den Vorbereitungen unterstützt ein berühmter früherer Coach Scarborough, gespielt von Burt Reynolds. Reynolds personifizierte schon 1974 die Rolle des Paul Crewe und glänzt hier mit einer herausragenden Performance, die ihm eine Razzie-Nominierung einbrachte. Von Schauspiel kann auch in diesem Film keine Rede sein. Lediglich Chris Rock mit dem sonderbaren Namen Caretaker bringt Frische in den Cast, sein Charakter fällt jedoch einer merkwürdigen Drehbuchentscheidung zum Opfer.

    Der Klimax wird wie gewohnt durch ein großes Endspiel erreicht, welches ansehnlich inszeniert wurde. Über eine halbe Stunde wird uns ein spannendes Spiel gezeigt, dem die Zuschauer*innen gut folgen können und in dem einige Trickplays zu sehen sind. Fumbles, Interceptions, Onside Kick, Bubble Screens, Play-Action-Shuffle-Pass, Fullback-Run, eine Two-Point-Conversion – aus Football-Sicht wurde sich weit aus dem Fenster gelehnt und ein wirklich vielseitiges Spiel entwickelt. Mit weitem Abstand stellt dieser sportliche Wettstreit den Höhepunkt des Films dar. Die Messlatte lag allerdings nicht sehr hoch. Eine Defensive Pass Interference in Verbindung mit der darauffolgenden Taunting-Strafe wirken zeitlos und würden auch in der heutigen NFL widersprüchlich diskutiert.

    Nicht unter den Tisch fallen darf der bildsprachliche Male Gaze, der in diesem Film seine Befriedigung findet. Los geht es in der allerersten Szene: die Kamera folgt dem Körper einer dynamischen, attraktiven Bikini-Schwimmerin zunächst im Pool und dann auf dem Weg in die Villa von Paul Crewe. Die Richtung des Films wird direkt festgelegt. Frauen werden auf das Körperliche reduziert, das männliche Footballpublikum soll ohne Hintergedanken angefüttert werden. Später steigt das große Spiel und diverse Leute stehen am Stadioneinlass. Hier wird uns der Torso einer jungen Frau in einem hautengen Oberteil von Hüfte bis Hals präsentiert. Richtig gelesen. Nicht mal der Kopf, geschweige denn das Gesicht der Frau, taucht im Kamerabild auf. Eine größere Verneigung vor dem sexistischen Gesellschaftsmodell gibt es kaum. Relevant ist nicht das Subjekt, nicht das Antlitz (welches schon bei Emanuel Lévinas der Ursprung aller ethischen Verantwortung ist), sondern ausschließlich der weibliche Körper als Sexualobjekt. Die konstituierte Heteronormativität findet ihren Tiefpunkt allerdings in der Darstellung homosexueller Gefängnisinsassen, die derart stereotypisch und homophob beschrieben werden, das einem schlecht wird.

    Fazit: Für Fans des Adam-Sandler-Humors der privilegierten Mehrheitsgesellschaft mit Sicherheit ein angenehmer Film, selbst Football-Fans kommen wegen des wirklich gut inszenierten Endspiels teilweise/zumindest für 40 Minuten auf ihre Kosten. Insgesamt bleibt jedoch ob des Potpourris pubertär-fäkalen Humors, der sexistischen Bildsprache und des vorhersehbaren Storytellings ein Beigeschmack dieses unterdurchschnittlichen Filmes. Nach „Waterboy“, einer weiteren Adam-Sandler-Produktion, ist „Spiel ohne Regeln“ die zweiterfolgreichste Sportkomödie aller Zeiten, was ein Armutszeugnis für dieses Subgenre ist.
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    (André Masannek)
    06.02.2022
    11:20 Uhr
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