Filmkritik zu Adoration

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    All it takes is a little imagination…

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Adoration, Anbetung. Die Bedeutung des französischen Begriffs umreißt äußerst präzise die Prämisse von Fabrice du Welzs Film über zwei Teenager auf der Flucht, deren Beziehung auf ebenjener Anbetung zu basieren scheint. Die märchenhafte Auseinandersetzung mit Themen wie Adoleszenz und Psyche feierte dieses Jahr in Locarno Premiere und hat vor allem auf visueller Ebene einiges zu bieten.

    Der junge Paul (Thomas Gioria) lebt mit seiner Mutter in der Nähe der psychiatrischen Anstalt, in der diese arbeitet. Als er eines Tages im angrenzenden Wald auf die gleichaltrige Gloria (Fantine Harduin) trifft – eine Patientin des Instituts – ist er sogleich von ihr fasziniert. Gemeinsam fliehen die Jugendlichen vor der trostlosen Realität der psychiatrischen Einrichtung und begeben sich auf eine Reise, auf der sich ihre Beziehung noch weiter vertieft. Die anfängliche Unbeschwertheit schlägt jedoch schnell um, da Gloria unter paranoiden Anfällen leidet und zwischen den beiden Heranwachsenden entsteht schon bald eine gefährliche Dynamik. Als sie dann auf andere Menschen treffen, darunter ein hilfsbereites Ehepaar und ein Einzelgänger namens Hinkel (Benoît Poelvoorde), nimmt das Unheil seinen Lauf.

    Bei „Adoration“ handelt es sich um einen sehr poetischen Film, der vor allem mit seiner märchenhaften Atmosphäre punkten kann. Die Handlung entfaltet sich traumgleich in den Wäldern der Ardennen, die Tiere und der Wald nehmen dabei wichtige, ästhetische Bezugspunkte ein. Stilistisch gesehen ist der Film wahnsinnig effektvoll: Wenn Gloria und Paul in einem Boot sitzen, zerschunden und blutverschmiert, sie im roten Kleid, er im hellen Hemd, inmitten eines algenbedeckten Teiches und durch den Nebel rudernd, findet die Inszenierung ihren ästhetischen Höhepunkt.

    Pauls hilfsbereiter Charakter steht im Zentrum der Handlung und wird schon zu Beginn sichtbar, wenn er einen Vogel aus dem Draht befreit. Später soll dies dann noch erweitert werden und zwar durch seine Beziehung zu Gloria. Doch die Beziehung zwischen den beiden Protagnisten ist viel vielschichtiger und auch von einer gewissen Abhängigkeit geprägt - deshalb wäre es etwas engstirnig, in Paul schlicht die Helferfigur zu sehen. Das Spiel der beiden jungen Darsteller, die sich als wahre Glücksgriffe beweisen, ergänzt sich allgemein sehr gut.

    Bis zum Schluss – der leider etwas schwach ausfällt – lässt der Film einige Fragen unbeantwortet: so wird der Tod von Glorias Eltern oder Pauls seltsam anmutende Beziehung zu seiner Mutter zwar erwähnt, die Hintergründe aber nicht genauer beleuchtet. Dies ist allerdings auch nicht unbedingt notwendig, da dem Ganzen somit etwas zusätzlich Mysteriöses anhaftet.

    Sehenswert ist „Adoration“ auf jeden Fall aufgrund seiner traumhaften Atmosphäre, den talentierten Jungschauspielern und den technisch einwandfreien, stimmungsvollen Bildern. Die Handlung verliert zum Ende hin zwar etwas an Reiz, nichtsdestotrotz ist diese an anderer Stelle geradezu nervenaufreibend inszeniert.
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    (Marion Schlosser)
    26.09.2019
    16:35 Uhr