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    Die bizarr fabelhafte Welt der Mabel

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Es gibt diese Filme, die einen völlig in ihren Bann ziehen, ohne dass man deren Faszination überhaupt komplett sinnhaft in Worte fassen kann. In diese Kerbe schlägt nun auch Aaron Schirnbergs wundervolles Regiedebüt „Chained For Life“.

    Schirnberg widmet sich darin der fiktiven Schauspielerin Mabel (Jess Weixler), die gerade die Hauptrolle im englischsprachigen Debüt eines deutschen Filmemachers mit unverkennbaren Akzent (Charlie Kosmo) übernommen hat. In dem bizarren Film des deutschen Regisseurs, der stark an Werner Herzog erinnern lässt, geht es um einen wahnsinnigen Arzt und dessen Patienten: Leute, die von der Gesellschaft normalerweise als abnorm betrachtet werden würden. Dafür hat sich der fiktive Filmemacher eine Riege an SchauspielerInnen ins Boot geholt, die auch im echten Leben von den körperlichen Beeinträchtigungen und genetischen Erkrankungen ihrer Figuren gezeichnet sind. Dementsprechend handelt es sich bei Mabel um die einzige Schauspielerin am Set, die frei von jeglichen Gendefekten ist. Als männlicher Hauptdarsteller wird ihr jedoch der an der seltenen Hautkrankheit Neurofibromatose leidende Rosenthal (Adam Pearson) gegenübergestellt, mit dem sich die wunderschöne Schauspielerin schon bald auch außerhalb der Drehzeiten anfreundet.

    Schirnberg hat mit „Chained for Life“ ein außerordentlich bizarres Werk geschaffen, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ab einen gewissen Punkt so sehr verschwimmen lässt, dass diese für den Zuschauer nicht einmal mehr erkennbar sind. Eben genau dieser hemmungslose Mut zu einer Form des filmischen Surrealismus, den wohl selbst ein David Lynch kaum besser hinbekäme, ist einer der vielen Gründe, weshalb einen der Film über seine gesamte Laufzeit von knapp 90 Minuten hinweg kaum loslässt. Inszenatorisch ist die Tragikomödie gleichermaßen formvollendet wie streckenweise aber auch bewusst unschön gehalten.

    Der Film-im-Film, um den sich die Rahmenhandlung dreht, ist dabei eine eindeutige Hommage an Tod Brownings 1932er-Meisterwerk „Freaks“. Ähnlich wie es Browning vor bereits fast 90 Jahren tat, nähert sich auch Schirnberg seinen deformierten Figuren mit Empathie wie auch Menschlichkeit und stellt diese nicht einfach als abnorme Objekte perfider Schaulust bloß. Während sich Mabel anfänglich noch vor ihren außergewöhnlichen Co-Stars scheut, zeigt sich die neugierige junge Frau schon kurze Zeit später von ihnen angetan. Beachtlich ist dabei vor allem mit welch einer unwiderstehlichen und doch völlig kitschlosen Zärtlichkeit Schirnberg die zwischenmenschliche Komponente entfalten lässt. Dabei erschafft der Film einen traumartigen Mikrokosmos, in dem Differenzierung aufgrund von äußerlichen Merkmalen kaum mehr eine Rolle spielt. Die Kernaussage „Dinge sind oft nicht so wie sie auf den ersten Blick erscheinen“ wird dann passenderweise noch vom ständigen Spiel mit den Traum- und Realitätsebenen unterstrichen, die später im Film kaum mehr voneinander abgrenzbar sind.

    Der zusätzliche Funke Charme wird dem Ganzen aber vom sensationellen Schauspiel-Duo in den zentralen Hauptrollen (sowohl im fiktiven als auch echten Film Schirnbergs) verliehen. Die Chemie zwischen Jess Weixler und Adam Pearson, der auch im echten Leben an der Erkrankung seines fiktiven Film-Ichs zu leiden hat, erzeugt einen ungewöhnlich liebenswürdigen und herzerwärmenden Sog, dessen Magie man sich beim Schauen nur schwer entziehen kann.


    „Chained For Life“ ist originelles Kino, das sich gegen klassische narrative Mittel sträubt, und in seiner Abstraktion bestimmt einige ZuschauerInnen mit einem großen Fragezeichen im Gesicht zurücklassen wird. Wer jedoch offen für surreale Genre-Experimente ist, in denen sich nicht zwingend ein roter Faden auffinden lassen muss, wird hier mit einem wundervoll bizarren und ästhetisch hypnotischen Werk belohnt, das gleichermaßen tieftraurig wie auch komisch ist.

    Abschließend zeigt der Film noch eine Taxi-Fahrt, die anders verläuft als man es zunächst erwarten würde, und als perfektes Sinnbild für einer der (keineswegs moralisierend eingehämmerten) Grundbotschaften von Schirnbergs Werk interpretiert werden kann:

    „Beurteile ein Buch niemals nach seinem Einband.“
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    (Christian Pogatetz)
    02.10.2019
    08:40 Uhr