Filmkritik zu Ema

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Mut zur Freiheit

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Der chilenische Filmemacher Pablo Larrain dürfte wohl seit dem für den Auslandsocar nominiertem Drama „No!“ beziehungsweise spätestens seit der Veröffentlichung seines ebenso gepriesenen englischsprachigen Debüts „Jackie“ ein geläufiger Name in der Filmwelt sein. Für seinen neuesten Film „Ema“, der momentan bei den 67. Filmfestspielen von Venedig um die Ehre des Goldenen Löwen kämpfen darf, verschlug es den 43-jährigen Regisseur wieder in seine Heimat Chile. Während er sich in seinen zwei bekanntesten Arbeiten aber noch politisch-historischen Sujets widmete, steht in seinem aktuellen Werk Politik im allgemeinen Sinne nicht im Vordergrund.

    Larrains neuer Film erzählt von der jungen Tänzerin Ema (Mariana Di Girolamo), die sich dazu entschließt, sich vom weit älteren Gaston (Gael Garcia Bernal) zu trennen. Der Grund dafür: Die beiden haben erst kürzlich ihren einst adoptierten Sohn Polo wieder zurückgegeben, wofür Ema sich schuldig fühlt. Dies hat zur Folge, dass sich die junge Frau nun mehr Freiheit wünscht, um sich als Individuum entfalten zu können, wobei ihr dabei die neugefundene Liebe zu Reggaeton-Tanz aushilft. Um ihren Adoptivsohn wieder in die zerrissene Familie zurück zu bekommen, tüftelt Ema einen Plan aus, der sie zu ein paar moralisch fragwürdigen Handlungen verleitet.

    Eines darf auf alle Fälle gesagt werden: „Ema“ lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Streckenweise kommt das Ganze wie ein Drama, das auf Realismus setzen will daher - dann plötzlich wie eine tiefschwarze Komödie. Diese unmögliche Kategorisierung des Films bringt viele positive Aspekte, aber auch Störfaktoren mit sich.

    In erster Linie lebt der Film von seinen großartigen SchauspielerInnen, die Larrains Werk trotz der manchmal unebenen Erzählweise ein Maximum an Energie verleihen. Hauptdarstellerin Mariana Di Girolamo gelingt es sowohl die berechnende als auch feinfühlige Ader der titelgebenden Protagonistin auf den Punkt zu bringen. Mindestens genauso brillant: Gael Garcia Bernal, der unserem Freigeist in der Hauptrolle als vermeintlich seriöser Gegenpol dient und mit einem Ausraster in der zweiten Hälfte für einer der unterhaltsamsten Szenen im gesamten Film sorgen darf.

    Lobend sei zudem zu erwähnen, wie sich Larrain keinerlei Geschlechterklischees bedient, sondern zur Fraulichkeit unserer Protagonistin und deren anarchisch angehauchten Freundinnen absolut steht. Dadurch wirken vor allem die intimeren Momente ehrlich wie auch sinnlich.

    Auf audiovisueller Ebene beeindruckt der Film durch atemberaubend choreographierte und mit hypnotischem Farbeinsatz visualisierte Tanzsequenzen, die in ihrer traumgleichen Wirkung dem Film eine angenehm surrealistische Note verleihen. Der Surrealismus des Films kommt durch die vielen Thematiken, die man durchkauen möchte, jedoch etwas zu kurz.

    Was möchte der Film nun also schlussendlich sein? Die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die in einer patriarchalen Gesellschaft ihre eigene Stimme entdeckt? Die Bestandsaufnahme einer in die Brüche gegangenen Ehe/Familie? Oder einfach ein anarchischer Trip inklusive sinnlicher wie auch surrealer Momente?

    Trifft hier der oft verwendete Spruch „Zu viele Köche verderben den Brei.“ ein?! Obwohl Larrains Werk mit einigen denkwürdigen Momenten aufwarten lässt, ergeben die großartigen Einzelteile leider kein vollkommen rundes Ganzes. Allein wegen der teils exzellenten Einzelteile lohnt sich der Film aber allemal.

    Unebenes aber großartig gespieltes und mit Gespür für Sinnlichkeit ausgestattetes Kino aus Chile!
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    (Christian Pogatetz)
    31.08.2019
    18:46 Uhr