Filmkritik zu Wasp Network

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  • Bewertung

    Unausgewogener Genre-Mischmasch der Marke Assayas

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Der französische Filmemacher Oliver Assayas hat sich in den letzten Jahren als einer der großen Stimmen des europäischen Arthaus-Kinos etabliert. Egal ob nun in seiner Heimat gedrehte Produktionen wie „Ende eines Sommers“ und „Zwischen den Zeilen“ oder seine beiden englischsprachigen Arbeiten „Die Wolken von Sils Maria“ und „Personal Shopper“ – bisher blieb der Regisseur stets seiner Arthaus-Linie treu und durfte dafür zumeist Lob einheimsen. Daher kommt es überraschend, dass Assayas sich mit seinem neuestem Werk „Wasp Network“ in weit genrelastigere Gefilde hineinbewegt. Basierend auf dem Roman „The Last Soldiers of the Cold War“ handelt der Film von den Miami Five, einer Gruppe aus fünf kubanischen Agenten, die wirklich existierten. Das auch als „Wespennetz“ bekannte Team wurde Mitte der 90er aufgrund des Vorwurfs der Spionage in den USA inhaftiert.

    Trotz einer mit Stars gefüllten Darstellerriege, der große Namen wie Edgar Ramirez, Penelope Cruz, Gael Garcia Bernal oder Wagna Moura angehören ist Assayas' Leinwand-Verfilmung der realen Umstände keine wirklich runde Nummer geworden. Dies ist besonders schade, da das Ganze zu Beginn noch durchaus Potenzial zeigt. Zunächst konzentriert sich Assayas nämlich noch auf das Privatleben der gezeigten Figuren und kreiert dadurch eine gewisse Intimität, die einen am Alltag der Protagonisten teilhaben lässt. Leider verliert der Film jedoch zunehmend seinen anfänglichen Fokus und opfert diesen für Genre-Konventionen, die der Streifen wirklich nicht benötigt hätte. Dabei wird streckenweise nicht mal wirklich klar, ob man sich denn hier an Klischees des Agenten-Thriller-Genres bedienen oder diese gar persiflieren wollte.

    Inszenatorisch kann man den Film jedoch wenig vorwerfen. Vor allem die intimeren Momente punkten mit einer bodenständigen Mis-en-scéne, die das Geschehen authentisch und frei von Pathos einfängt. Besonders einprägsam: die wundervoll aufgenommene Hochzeitsnacht zwischen den frisch in Miami angekommenen Luftwaffe-Leutnant Juan Pablo und dessen unfassbar charismatischen Frau (Ana De Armas). Hingegen zeigt sich in den Sequenzen, die auf kalkulierte Suspense setzen wollen, dass Assayas bisher wenig Erfahrung im Genre-Bereich gesammelt hat (deutlich wird das vor allem während der seltsam zerschnittenen Luftangriff-Sequenzen). Zudem wurden hier und da grässliche Schwarzblenden platziert, die eher für Irritation sorgen als das Narrativ auf Vordermann zu bringen.

    So bleibt am Ende des Tages ein Film, der in seinen zwischenmenschlichen Momenten brilliert, ansonsten aber - besonders in Anbetracht der interessanten Geschichte und Assayas' unbestreitbaren Talent - einiges an Luft nach oben lässt. Der Regisseur selbst meinte nach der Premiere in Venedig, dass er mit dem dort gezeigten Cut seines knapp zweieinhalbstündigen „Wasp Network“ nicht zufrieden gewesen sei, und es in Erwägung ziehe, eine kompaktere und kohärentere Schnittfassung in Auftrag zu geben. Definitiv keine schlechte Idee!
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    (Christian Pogatetz)
    18.09.2019
    22:31 Uhr