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  • Bewertung

    Existenzialismus trifft auf bitterbösen schwedischen Galgenhumor

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Der schwedische Altmeister Roy Andersson zählt mit Sicherheit zu den angesehensten Filmemachern aus dem skandinavischen Raum. Der 76-jährige Regisseur hat sich besonders einen Namen für seinen absurden schwarzen Humor gemacht, der zumeist mit bitterer Melancholie gepaart wird. Sein schrulliger Stil zeichnete sich auch in seinem vorangegangen Werk, der von der Kritik umschwärmten Tragikomödie „Eine Taube sitzt auf einen Zweig und denkt über ihr Leben“ exemplarisch ab. Fünf Jahre später meldet sich der schwedische Existenzialist nun endlich mit einem brandneuen Film zurück, der den poetischen Titel „Über die Unendlichkeit“ (OT: „Om det oändliga“) trägt und seiner etablierten Linie als Regisseur treu bleibt.

    Durch Anderssons Neo-Werk zieht sich kein wirklicher roter Faden, vielmehr handelt es sich hierbei um eine Aneinanderreihung kleiner unzusammenhängender Alltagsgeschichten, bei denen wir Menschen folgen, die sich von ihrer alleinigen Existenz geplagt fühlen und unzufrieden mit ihrem derzeitigen Leben sind. Begleitet werden diese Episoden stets von einer weiblichen Stimme aus dem Off, die mit simplen Sätzen (beginnend mit „I saw a man who...“, „I saw a woman who...“) die jeweilige Situation kurz, aber treffend zusammenfasst.

    Stichwort „kurz“: Mit einer Lauflänge von gerade mal 76 Minuten hat Andersson hiermit den bei weitem kürzesten Beitrag in der diesjährigen Wettbewerbs-Schiene von Venedig gedreht. Umso ironischer kommt es natürlich, dass (vermutlich bewusst) ein Titel gewählt wurde, in dem das Wörtchen „Unendlichkeit“ fällt. Aber wie sagt man doch so schön: in der Kürze liegt die Würze.

    Über die gesamte Spielzeit geleitet uns der Film von einer Alltagssituation zur nächsten – manchmal erschreckend realitätsnah, in anderen Momenten albtraumhaft surreal. Ästhetisch durchziehen die Tragikomödie ausgewaschene Farben und eine fast artifizielle Präzision, mit der man wohl die Künstlichkeit der Monotonie des alltäglichen Lebens einfangen wollte.

    Aber egal wie ausweglos die Situationen der gezeigten Figuren noch scheinen mögen, Andersson gelingt es meistens trotzdem noch, Humor in den tiefsten Abgründen der Menschheit zu finden, ohne sich aber dabei über deren Schicksale lustig zu machen. Beispielsweise widmet sich der Film einem Priester, der jegliche Hoffnung verloren hat und vom Glauben abzukommen scheint. In einer Szene sehen wir, wie der Priester mal wieder verzweifelt bei seinem Therapeuten um Rat sucht, dieser ihn aber schnell abfertigt, da er kurz vor dem Zumachen steht und noch seinen Bus erwischen muss. Momente wie diese sind es, die trotz der zugrundeliegenden Tragik, aus der Situation heraus tiefschwarze Komik gewinnen können. Ebenso herrlich: ein slapstickartiger Moment, in dem ein tollpatschiger Kellner beim Einschenken Wein verschüttet.

    Dabei handelt es sich bei Anderssons Werk aber keinesfalls um eine reine Komödie. Nein, der Film ist sich zu jeder Sekunde der Seriosität unter der Oberfläche bewusst und zieht eine feine Linie zwischen Komik und Tragik, bei der einem die ernsteren Momente in ihrer ungeschönten Rauheit den Boden unter den Füßen wegziehen können. Andersson reflektiert in seinen Beobachtungen über die schmerzvollen Momente und Phasen im Leben, die sich so anfühlen, als würden sie ewig währen. Obwohl der Film durchaus einen eher pessimistischen Zugang wählt, finden sich hier und da auch angenehm hoffnungsvolle Momente. So bleibt Andersson zum Beispiel für eine Szene über eine Minute hinweg bei einer Gruppe junger Mädchen hängen, die vor einem Restaurant ausgelassen und beschwingt zu tanzen anfangen. An einem anderen Moment folgen wir einem älteren Mann dabei, wie dieser an einem verschneiten Wintertag ein Lokal betritt und euphorisch schreit: „Ist es nicht fantastisch?“ Als ihm von den tristen Anwesenden nur sichtlich verwirrte wie auch verärgerte Blicke entgegen gebracht werden und er gefragt wird, was er denn damit meine, antwortet er schlicht: „Einfach alles.“

    Roy Andersson hat mit „Über die Unendlichkeit“ eine kurze, schmerzvolle, aber dennoch auch urkomische und episodenhaft aufbereitete Reflexion über die Wehen des alltäglichen Lebens gedreht, die einen wohl so schnell nicht mehr loslassen wird.
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    (Christian Pogatetz)
    04.09.2019
    20:27 Uhr