Filmkritik zu Booksmart

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  • Bewertung

    Buchschlau, aber nicht partymüde

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Highschool-Komödien werden auch heute noch massenhaft produziert – so richtig gute sind mittlerweile aber zur Seltenheit geworden. Anstatt zu versuchen, den aktuellen Zeitgeist von Teenagern einzufangen, bedient man sich immer noch andauernd alter Muster und Klischees, die bereits seit den Glanzzeiten eines John Hughes („The Breakfast Club“, „Ferris macht blau“) das Genre beherrschen. Einer der wenigen positiven Ausnahmen im 21. Jahrhundert bot der mittlerweile zum modernen Kultklassiker erhobene „Superbad“, der in seiner Darstellung Jugendlicher frisch, frech und schamlos daherkam. Ähnliches Lob wurde auch der neuen US-Komödie „Booksmart“, bei der es sich um das Regiedebüt von Schauspielerin Olivia Wilde handelt, zuteil, wobei mehrfach sogar direkte Vergleiche mit „Superbad“ gezogen wurden.

    Hat der Film sich seine gewaltigen Vorschusslorbeeren verdient?

    Auch wenn die Vergleiche zu „Superbad“ definitiv nicht aus der Luft gegriffen sind, schafft es Olivia Wildes „Booksmart“ komplett auf eigenen Beinen zu stehen und entpuppt sich tatsächlich als eine der unterhaltsamsten und zugleich einzigartigsten Teenie-Komödien der letzten Jahre.

    Bevor es aber ans Eingemachte geht: Wovon handelt der Film denn überhaupt?

    „Booksmart“ erzählt von den beiden besten Freundinnen Amy (Kaitlyn Dever) und Molly (Beanie Feldstein), die kurz vorm Schulabschluss stehen, die ganze Highschool-Zeit über jedoch nie den klassische Teenager-Party-Lifestyle ausgelebt haben. Dieser Umstand soll sich jedoch am Abend ihres Abschlusses ändern. Die beiden haben die Schnauze voll davon immer nur als brave Musterschülerinnen zu gelten und wollen, bevor ein paar Monate später dann mit dem Uni-Leben ein neues Kapitel losgeht, vorher auch nochmal so richtig die Sau rauslassen. Was folgt, ist es eine wilde Party-Nacht, bei der auch Alkohol, Drogen und Sex ein Wörtchen mitzureden haben. Dinge verlaufen jedoch nicht ganz so wie noch anfangs erhofft.

    Während sich die meisten Coming-of-Age-Filme schablonenhafter Stereotypen und anachronistischer Figuren-Konstellationen bedienen, gelingt es „Booksmart“ famos jegliche Genre-Klischees zu vermeiden und ein progressives wie auch authentisches Bild der heutigen Jugend zu erzeugen. Dabei werden klassische Cliquen-Gefilde, die immer noch gang und gäbe im Highschool-Film sind, aufgebrochen und innerhalb des Schulgebäudes ein Mikrokosmos kreiert, in dem ein jeder (egal ob Nerd oder Tussi – egal ob Sportler oder Streber) miteinander auskommen kann. „Booksmart“ nimmt die Ängste und Sorgen der Generation Z ernst, versucht aber niemanden (des Melodramas wegen) auf eine Opferrolle zu reduzieren, sondern schöpft dreidimensionale menschliche Figuren voller Ecken und Kanten. Beispielsweise wird zu keinem Moment im Film die Homosexualität von Protagonistin Amy stigmatisiert, stattdessen aber – wie es auch sein sollte – vollkommen normalisiert.

    Obwohl hier und da auch ernste Töne angeschlagen werden, steht über die meiste Zeit hinweg dennoch der Spaß im Vordergrund. Das Besondere dabei: Olivia Wilde lässt die Figuren im Film zwar waschechte Teenager sein (inklusive der nötigen Leichtfüßigkeit), blickt jedoch zu keiner Sekunde auf die Eigenheiten der modernen Jugend herab, sondern zelebriert deren Kultur vielmehr. Dies geschieht auch nicht auf plumpen Wege, sondern mithilfe eines außerordentlich intelligenten Skripts, dessen Humor trotz zahlreicher smarter Wortgefechte auch für ein Massenpublikum zugänglich sein wird. Wenn unsere beiden Protagonisten denn beispielsweise über bekannte Persönlichkeiten diskutieren, die durch das Brechen von Regeln zu besseren Personen wurden und dabei Namen wie Rosa Parks oder Susan B. Anthony fallen, zeigt das mit welch einer Präzision die Gags geschrieben wurden. Es sind jedoch nicht nur die urkomischen Gespräche zwischen Molly und Amy, die köstlich unterhalten: Nein, tatsächlich weiß eine jede Nebenfigur – mag diese noch so kurz auftreten – durch ihre individuellen Charaktereigenheiten derart gut zu funktionieren, dass selten ein misslungener oder künstlicher Gag ums Eck kommt. Dafür zeichnet sich neben der Scharfsinnigkeit und Verspieltheit der Witze bestimmt auch das Schauspielensemble verantwortlich, das bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzt wurde.

    Kaitlyn Dever („Short Term 12“) und Jonah Hills Schwester Beanie Feldstein („Lady Bird“) brillieren als Amy und Molly mit einem großartigen Gespür für 'comedic timing' und einem Feingefühl ihren Figuren gegenüber, durch das selbst die seriöseren Töne im letzten Drittel ihren Zweck erfüllen und nicht ins Lächerliche gezogen werden. Oft sind es aber ausgerechnet die Nebenfiguren, die für die größten Lacher sorgen können. Ob nun Eduardo Franco als mehrfach sitzengebliebener Schüler, der sich bei einer Party an eine ehemalige Lehrerin heranschmeißen will, oder ein Jason Sudeikis, der als Lyft-fahrender Rektor während einer Schlüsselszene eine der wohl lustigsten Lines des Jahres sagen darf – jeder Bestandteil der Besetzung trägt dazu bei, die Lachmuskeln der Zuschauer zu trainieren. Als großer 'scene stealer' des Films entpuppt sich jedoch Billie Lourd, die Tochter der 2017 verstorbenen Hollywood-Ikone Carrie Fisher. Lourd verkörpert die reiche Exzentrikerin Gigi mit einer natürlichen Energie und Hingabe zur kompletten Verrücktheit, dass sich jedes noch so wahnsinnige Zitat ihrer Figur zu purem Comedy-Gold verwandelt.

    Zur Genialität der Gags, dem authentischen Jugendbild und der sichtlich gut gelaunten Darstellerriege kommen noch originelle Einfälle wie zum Beispiel eine in Stop-Motion-Optik gefilmte Trip-Sequenz hinzu, die in den Händen anderer Filmemacher nach hinten losgehen hätte können, durch Wildes souveräne Inszenierung sich jedoch spielerisch in den Kosmos der Teenie-Komödie einreiht.

    Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Olivia Wilde mit ihrem Debütwerk „Booksmart“ eine wahre Rarität im Genre der Highschool-Komödien gelungen ist. Ein Film, der ein authentisches, ehrliches und zeitgemäßes Bild der jungen Generation vermittelt, ohne aber seine Figuren zu bevormunden. Ein Film, der seinen talentierten SchauspielerInnen genügend Freiraum gibt, sich zu entfalten, und nicht auf stereotype Charakterskizzen reduziert. Ein Film, der sich zwar öfters auf seine Genrevorbilder beruft, aber trotzdem eine nötige Eigenständigkeit an den Tag legt. Und am allerwichtigsten: ein Film, der einfach für knapp zwei Stunden puren Spaß bietet - und das noch dazu auf oft intelligentem Wege.

    So gehen Highschool-Filme!