Filmkritik zu Bacurau

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Brasilianischer Neo-Western mit politischer Note

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Die aktuelle Filmlandschaft Brasiliens wird in der Regel nicht unbedingt mit Genrekino assoziiert. Dass jedoch auch dort großartige Genrefilme entstehen können, die zudem politische Missstände des Landes ansprechen, beweisen die beiden Regisseure Kleber Mendonça Filho (u.A.: „Aquarius“) und Juliano Dornelles eindrücklich mit ihrem neuesten Werk „Bacurau“.

    Der Film, der bereits bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes mit dem „Preis der Jury“ (der dritthöchsten Auszeichnung des Festivals) geehrt wurde, ist in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt und widmet sich den Bewohnern des gleichnamigen fiktiven Dorfs Bacurau, das sich im Nordosten Brasiliens befinden soll. Die Dorfbewohner führen ein ärmliches Dasein, haben kaum mehr Zugriff auf sauberes Wasser und müssen auf leere Versprechen von Politikern hoffen, die angebliche Besserung der inhumanen Lebensumstände versprechen. Als sich kurze Zeit nach der Beerdigung der 94-jährigen Dorfältesten skurrile Geschehnisse häufen und Bacurau auf einmal auch auf keiner Karte mehr zu finden ist, kündigt sich schon das baldige Unheil an. Das Dorf wird nämlich von einer Gruppe, die zum Großteil aus US-AmerikanerInnen besteht, unter Beschuss genommen. Diese gefährliche Truppe, die vom gebürtigen Deutschen Michael (Udo Kier: in bedrohlicher Schauspielhöchstform) angeführt wird, betrachtet die Einwohner des Dorfs als minderwertig und jagt diese daher wie Freiwild.

    Je weniger man vor dem Schauen des Films über den eigentlichen Handlungsverlauf in Erfahrung bringt, desto besser. Denn auch wenn „Bacurau“ wie ein klassisches, auf Realismus bedachtes Sozialdrama beginnt, entpuppt sich der Film später als wilder wie auch herrlich verschrobener Genre-Mischmasch, der sich zwar bewusst vieler gängiger Tropen bedient, nie aber in reine Vorhersehbarkeit abdriftet. Zudem versprüht der Film eine politische Kraft und Lebhaftigkeit, die die Sehnsucht nach Revolution und Veränderung innerhalb eines menschenverachtenden Regimes zumindest für 132 Minuten lang wahrscheinlicher erscheinen lässt, als sie es wohl sind. Generell verlassen die soziopolitischen Ebenen, die hier (wenn auch manchmal nicht ganz greifbar für westliche ZuschauerInnen) aufgebaut werden, zu keiner Sekunde den Film – egal auf was für genrekonformen Wegen man sich bewegt. Selbst wenn das Ganze im letzten Drittel zum waschechten Neo-Italowestern (inklusive eines versiert inszenierten finalen Showdowns) ausartet, bleibt der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit im Vordergrund. Verstärkt wird das von der Tatsache, dass man auf einzelne Charakterisierungen der Einwohner Bacuraus verzichtete, und das Kollektiv an Dorfbewohnern praktisch als eigenen Charakter agieren lässt, der genug von der menschenunwürdigen Behandlung hat, die man sich sich lange Zeit gefallen lassen musste.

    Die politische Dimension des Films lässt jedoch auch einiges an Raum für Interpretation offen. So könnte man die mörderische Truppe, mit der die Dorfbewohner konfrontiert werden als (nicht unbedingt subtile) Metapher auf kaltblütigen Kolonialismus sehen. Andere würden meinen, dass Fillho und Dornelles hier mit den Folgen von Globalisierung, die vielerorts zur Amerikanisierung und somit zum Raub der eigenen kulturellen Identität geführt hat, abrechnen. Fakt ist jedoch, dass die gesellschaftspolitische Relevanz und der berechtige Zorn, die dem Film innewohnen, nie zugunsten der genretypischen Stilmittel aufgeopfert werden.

    Und das obwohl der Film auch als astreiner Genrebeitrag funktioniert und seine Aussagen nie in pseudo-intellektuellen Symbolismus verpackt. Selbst wenn einem also die gesamte politische Dimension fremd sein sollte, bekommt man hier immer noch einen leibhaftigen Italowestern serviert, der einerseits konventionell ist – andererseits in einzelnen Momenten aber auch plötzlich das Genre wechselt und sich gekonnt an Elementen des Horror- oder gar Sci-Fi-Kinos (z.B.: Wischblenden wie in der originalen „Star Wars“-Trilogie) bedient.

    Vor allem auf inszenatorischer Ebene lässt sich hier wenig meckern. Während man zu Beginn noch zahlreiche Weitwinkelaufnahmen verwendete, um die Szenerie zu etablieren, gerät man immer mehr in westerntypische stilistische Eigenheiten, die heutzutage selten in einer solch genreaffinen Perfektion und Liebe zum Detail umgesetzt werden. Fillho und Dornelles stellen hier enormes handwerkliches Können und ein Gespür für Atmosphäre unter Beweis, das seinesgleichen sucht.

    Wie lässt sich der Film nun also im Großen und Ganzen zusammenfassen?

    Bei „Bacurau“ handelt es sich um ein außergewöhnliches Stück brasilianisches Kino, das gleichzeitig genretypisch wie auch unkonventionell und originell geworden ist. Eine selten gelungene Mixtur aus Sozialdrama, Survivalthriller und Neo-Western, die durch die Genreaspekte genauso unterhält wie sie einen durch die radikale Darstellung sozialer Ungerechtigkeiten und Missstände den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Ein sensationeller Genrezwitter, der eine wütende aber gleichsam hoffnungsvolle Kraft versprüht, die einen in politisch düsteren Zeiten wie diesen, den Glauben an Veränderung und Revolution zurückgibt.

    Schlussendlich geht die Macht doch noch vom Volke aus!
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    (Christian Pogatetz)
    08.11.2019
    08:32 Uhr