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  • Bewertung

    Materialism kills!

    Exklusiv für Uncut
    Schon seit den frühen 80er-Jahren gilt Jim Jarmusch als einer der essentiellen Stimmen des US-amerikanischen Independentkinos und blieb der Szene bis heute treu. Jarmusch ist dafür bekannt auf klassische Storyabläufe zu verzichten und stattdessen in seinen Filmen zumeist schlicht und einfach eine Riege an (zumeist exzentrischen) Figuren über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu begleiten, deren Alltag zu beobachten und dabei seine eigenen Lebensphilosophien gepaart mit einer gewissen Coolness miteinzubringen. Den Großteil von Jarmuschs Filmographie, der unter anderem hochgehaltene Indieperlen wie „Stranger Than Paradise“, „Down By Law“, „Night on Earth“ oder der unterschätzte „Ghost Dog“ angehören, durchzieht ein gewisser Realismus, der dessen Werke zumeist bodenständig daherkommen lässt. Umso überraschender kommt es, dass nun ausgerechnet der 66-jährige Hipster-Favorit eine Zombiekomödie mit dem Titel „The Dead Don't Dies“ in die Kinos bringt, deren Trailer weit mehr an klassische Genrevertreter wie „Zombieland“ erinnern lässt, als an einen typischen Jarmusch-Joint.

    Jedoch der Schein trügt:

    Tatsächlich steckt hier nämlich sehr viel Jarmusch drin, was dem Film jedoch auch über Teile hinweg zum Verhängnis wird.

    Zunächst aber mal:

    Worum geht es eigentlich?

    Die Rahmenhandlung von „The Dead Don't Die“ ist in der US-amerikanischen Kleinstadt Centerville angesetzt, in der plötzlich von einem Tag auf den anderen eine Zombieepidemie ausbricht. Zunächst wird vermutet, dass es sich bei immer häufiger werdenden Angriffen um Tierattacken halten, schon bald müssen die Bewohner der Stadt aber feststellen, dass die lebenden Toten sich aus ihren Gräbern erhoben haben. Die drei Polizisten Ronnie (Adam Driver), Cliff (Billy Murray) und Mindy (Clemence Poesy) versuchen ihr Bestes, um die Bürger während der Epidemie zu schützen, verzweifeln aber auch schon bald an der ausweglosen Situation. Es dauert nicht lang und schon fangen die Untoten an zu ihren konsumorientierten Vorlieben und Tätigkeiten zurückzukehren, die ihren Alltag als Lebende ausgemacht hatten. Als wären sie bereits lange innerlich tot gewesen ohne es überhaupt gemerkt zu haben...


    Nun ist das nicht das erste Mal, dass der sonst so realismusverliebte Jarmusch sich einem übernatürlichen Konzept annähert. Im 2013 erschienenen „Only Lovers Left Alive“ erzählte er nämlich von einem jahrhundertealten Vampirpaar, das probiert sich unauffällig dem modernen Zeitgeist anzupassen, gleichzeitig aber an der voranschreitenden Dummheit des Menschen verzweifelt. Während sich dieses Konzept noch wunderbar mit Jarmuschs Stil vermengte und zu einem der vermutlich größten Werke seiner ohnehin beachtlichen Karriere avancierte, kommt er bei „The Dead Don't Die“ nie wirklich zu einem runden Ergebnis. Hier wurde ein Hotchpotch an interessanten Ideen und unterhaltsamen Einfällen zusammengewürfelt, die jedoch zu keinem komplett funktionierenden Gesamtwerk führen.

    Es sei Jarmusch auf alle Fälle zugute gehalten, dass er immerhin daran versucht ist, das Zombiegenre zu seinen kapitalismuskritischen Anfängen zurückzubringen, wie es Genre-Urvater George A. Romero einst in seinen heutigen Kultfilmen „Night of the Living Dead“ und „Dawn of the Dead“ tat. Während sich Romeros Gesellschaftskritik noch recht subtil abzeichnete, bombardiert Jarmusch den Zuschauer regelrecht mit seiner (gut gemeinten) Botschaft, was nach einiger Zeit repetitiv und gar anstrengend daherkommen kann. Jarmuschs anti-materialistische Herangehensweise funktioniert dann am besten, wenn gezeigt wird wie die Zombies nach einer Zeit zu ihren kostspieligen Vorlieben aus Lebenszeiten zurückkehren. Dabei werden die umherirrenden Untoten stets von dem sich in den Wald zurückgezogenen Hermit Bob (herrlich gespielt von Jarmusch-Urgestein Tom Waits) beobachtet, der den konsumorientierten Verhaltensweisen der Gesellschaft abgeschworen hat und schon lange beim voranschreitenden Zerfall der Menschheit zuschaut. Satirische Spitzen wie diese gelingen hier aber eher selten. Nicht zu selten verliert man sich in Ideen, die nicht wirklich wo hinführen. Wenn denn der Film plötzlich gegen Ende eine Metaebene aufmacht, und sich seiner eigenen Existenz bewusst zu werden scheint, dann scheint es so, als hätte Jarmusch zu viel in einen einzigen Film packen wollen, ohne dass dahinter ein greifbares Konzept steht.

    Lobend kann jedoch neben dem gewohnt unterhaltsamen Wortwitz und dem erwartbar fetzigen Soundtrack auch noch die hochkarätige Besetzung erwähnt werden. Während Murray und Driver (wie immer: in guter Form) definitiv die meiste Screentime in Anspruch nehmen, stiehlt Tilda Swinton als die Samuraischwert-schwingende Zelda, eine exzentrsiche schottische Mitarbeiterin des örtlichen Bestattungsunternehmen, wohl die meisten Szenen. Weitere Highlights im Cast: Caleb Landry Jones als Tankstellen-Mitarbeiter und Popkultur-Fanatiker Bobby (ausgestattet mit einer Hommage an Romeros „Night of the Living Dead“), Steve Buscemi als der rassistische Farmer Miller und Punker Iggy Pop als kaffeevernarrter Zombie. Leider handelt es sich jedoch abgesehen von Driver, Murray und Swinton bei den meisten anderen Auftritten um glorifizierte Cameos, was schade ist, da so ein paar der interessantesten Figuren im Film sehr schnell der Schlussstrich gesetzt wird.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jim Jarmuschs Zugang an das ausgelutschte Zombiegenre durchaus einige interessante Ansätze bietet und oft in höchst-amüsante Momente resultiert, schlussendlich aber in einigen Szenen an seinen eigenen Ambitionen scheitert.

    Wir verstehen's Jim: Materialistische Denkweisen töten den Menschen und lassen uns früher oder später zu seelenlos umherirrenden Zombies verkommen.

    Beim nächsten Mal eine solche Message aber bitte in etwas mehr Subtilität verpacken, anstatt permanent nur mit Haudrauftechnik zu arbeiten!
    chrostv_39178447dd.jpg
    (Christian Pogatetz)
    15.06.2019
    08:47 Uhr