Filmkritik zu Walden

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Eine entschleunigte Bildreise um 360°

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Ein Bäumlein steht im Walde ganz still und stumm, bis er abgeholzt und über die halbe Welt transportiert wird. „Walden“ von Daniel Zimmermann dokumentiert die Reise eines Baumes vom Admonter Wald über Hamburg, Manaus, den Amazonas bis nach Brasilien segmentartig. 13 Plansequenzen stellen einige der Knotenpunkte dieses Transportes dar, die je ca. 10 Minuten dauern. Während dieser Minuten bewegt sich die fixierte Kamera stetig mit gleichbleibender Geschwindigkeit nach rechts und legt so Quadratmillimeter für Quadratmillimeter frei und das Publikum wird langsam in die Settings eingeführt. Dabei vollzieht die Kamera eine fast vollständige 360°-Drehung um sich selbst, die an einem neuen Ort wieder von neuem beginnt und so der Monotonie Eingang verschafft.

    Dieser Film ist wirklich nur etwas für Hartgesottene, die sich nicht leicht einschläfern lassen. Alleine das Suchen und Finden von den kleinen Details, die Aufschluss auf die geografische Lage der Sequenz geben, lassen einen Funken Spannung aufkommen. Das ist eigentlich sehr schade, denn die inhaltliche wie formale Idee dahinter sind sehr wohl spannend. Zimmermann wollte einmal eine der Haupttransportrouten der Welt, von Brasilien nach Europa, umkehren und die unglaubliche Distanz von 15.000 km aufzeigen, die die Güter dabei zurücklegen.

    Hinter der Art und Weise, wie das Filmteam das umgesetzt hat, steht der Gedanke, alles zu zeigen, ohne Urteil, ohne Wert, ohne Manipulation. So verstellt ein hässlicher Stromkasten schon einmal einen Teil des Bildes, aber es wird ihm genauso viel Zeit und Bildfläche eingeräumt, wie den hübschen Bäumen im Wald. Das ist es, was die mechanische Drehung der Kamera, die nicht von Hand bedient wird, ermöglicht. Das heißt aber nicht, dass alles authentisch und naturbelassen aufgezeichnet wird. In diesem Film ist sehr viel Planung eingeflossen, um das perfekte Timing für die Plansequenzen zu finden. Und auch das Holz selbst ist nicht wegen eines exotischen Auftrages so weit gereist, die Überfahrt war nur für diesen Film inszeniert. So kann der Regisseur beim Publikumsgespräch auch nur darüber lachen, dass „Walden“ als Dokumentarfilm bei der Diagonale 2019 eingestuft worden ist.

    Diese Information, dass kein ‚echter‘ Transport dokumentiert wurde, tut dem Film leider einen weiteren Abbruch. Wenn man die 106 Minuten Monotonie durchgehalten hat und am Ende wieder in einem Wald angekommen ist – diesmal aber in einem tropischen -, dann wünscht man sich, dass mit dem Holz eine Hütte oder irgendetwas anderes dort gebaut wird. Stattdessen ist das Holz wieder mit zurückgekommen und steht nun beim Regisseur zuhause und wartet darauf, Teil einer Ausstellung in einem Museum zu werden.

    „Walden“ ist ein Film, der vor allem durch seinen Hintergrund und seiner formalen Umsetzung herausragt. Das heißt jedoch leider nicht, dass er dafür leicht und annehmbar anzuschauen ist, aber vielleicht muss das bei innovativen Werken einfach so sein.
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    (Nina Isele)
    06.04.2019
    18:43 Uhr

Walden

Schweiz 2018
Regie: Daniel Zimmermann