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    Harmony Korines neonfarbener Kiffer-Traum

    Exklusiv für Uncut
    Harmony Korine ist zweifelsohne einer der eigenwilligsten Köpfe Hollywoods. Die Werke des 46-jährigen Filmemachers, der einst seine Karriere als Drehbuchautor des kontrovers diskutierten Jugenddramas „Kids“ startete, sorgen stets für reichlich Gesprächsstoff. Korine testet gern die Grenzen des menschlichen Geschmacks aus, weswegen praktisch all seine Werke (u.A.: „Gummo“, „Julien Donkey-Boy“) sowohl viel Lob als auch einiges an Ablehnung auf sich zogen, jedoch zumeist sowieso nur eine begrenzte Nische an Zuschauern erreichen konnten. Mit „Spring Breakers“ im Jahre 2012 erreichte Korine erstmals ein Mainstream-Publikum und veröffentlichte damit sein bisher mit Abstand finanziell erfolgreichstes Werk. Obwohl der Film per se kaum einen Deut zugänglicher war als sein restliches Oeuvre, konnte Korine durch geschicktes Marketing ein breites Publikum in die Lichtspielhäuser locken. Durch einen Cast angeführt von ehemaligen Disney-Sternchen wie Vanessa Hudgens oder Selena Gomez sowie einen launigen Trailer, führte Korine das Publikum an der Nase herum und ließ viele Zuschauer eine Party-Komödie für Teenies erwarten. In Wahrheit entpuppte sich Korines Geniestreich jedoch als herrlich groteske Dekonstruktion des amerikanischen Traums, die dem vermeintlichen Zielpublikum auf unangenehme Art und Weise den Spiegel vorhielt. Ähnlich geballte Starpower wie in seinem vorherigen Werk bekommt man nun auch in Korines neuem Film „The Beach Bum“ zu spüren.

    Darin schlüpft Oscar-Preisträger Matthew McConaughey in die Rolle des rebellischen Stoners Moondog, der den Alltag nach seinen eigenen Regeln lebt. Nach einem tragischen Vorfall gerät der ständig bekiffte Poet in eine existentielle Krise und wird vor das Ultimatum gestellt, sein schon lange geplantes Buch endlich fertigzustellen. Da es ihm jedoch zunächst an Inspiration fehlt, begibt sich der reiche Kiffer im mehrdeutigen Sinne auf einen Trip, bei dem er auf zahlreiche skurrile Persönlichkeiten trifft.

    Wie auch bei jedem anderen Korine-Film sollte man sich bereits vor Sehen des Films vergewissern: die eigentliche „Story“ ist Nebensache. Vielmehr ist der Regisseur daran bemüht ein einzigartiges immersives Erlebnis zu schaffen, das einen durch seine betörenden Klänge stimuliert, durch surreal-schöne Bildkompositionen verzaubert und durch herrlich verschrobene Charaktere unterhält. Als ein solches weiß auch Korines eigener Spin auf das Genre der Kiffer-Komödie prima zu funktionieren.

    Ohne jegliche Exposition wird der Zuschauer gleich von Anfang an in das von Exzessen und Partys gezeichnete Leben des dauerbekifften Protagonisten hineingezogen. Korine beweist einmal mehr, dass er sich für die eher speziellen Milieus, denen er sich in seinen Filmen widmet, wirklich interessiert und zu keinem Moment mit erhobenem Zeigefinger agiert. Moondog wird von seiner Umwelt zwar regelrecht vergöttert, wird aber durch sein anstrengendes Verhalten und seiner exzessiven Polygamie sicherlich nicht jedem Zuschauer sympathisch sein. Dennoch schafft es der Film die fast schon Alien-hafte Faszination, die von McConaugheys Protagonisten ausgeht, gekonnt auf das Publikum zu transportieren und nachvollziehbar zu gestalten. Dies gelingt Korine durch eine traumhafte Bildsprache, die irgendwo zwischen rauem Realismus und trancehaftem Surrealismus einzuordnen ist. Die in wunderschönen Neon-Farben getränkten Aufnahmen von Kameramann Benoît Debie (u.A. verantwortlich für das Gesamtwerk von Euro-Schocker Gaspar Noé) erzeugen gepaart mit schrillen Klängen und Songs, die Korine meistens komplett ausspielen lässt, einen Sog, der einen regelrecht in das groteske Milieu eintauchen lässt. Besonders bleibt dabei eine längere Tanzsequenz zwischen Moondog und seiner Frau Minnie (Isla Fisher) im Kopf hängen, die in ihrer Absurdität zeitgleich eine gewisse Komik und Tragik in sich trägt, die einen in ihren Bahn zieht. Obwohl der Film weitestgehend eher als Komödie funktioniert, blitzen allgemein hier und da Momente der Melancholie auf, die sich erstaunlich gut in den exzentrischen und zumeist eher locker gestimmten Mikrokosmos einreihen.

    Schlussendlich sind es jedoch der absurde Humor und die sichtlich gut gelaunte Schauspielriege, die „The Beach Bum“ zu dem bis Dato vermutlich zugänglichsten Film Korines machen. Es ist schlicht und einfach ein großer Spaß Matthew McConaughey dabei zuzuschauen, wie er von einer schrillen Situation in die nächste gerät. McConaughey, der bereits früher in unzähligen Komödien Kiffer-Dudes mimte, verschmilzt hier regelrecht mit der Figur des Moondog und verleiht seinem einstigen Typecasting mithilfe von Korines einzigartigem Stil eine frische, außergewöhnliche Note. Auch abseits dessen ist der Film nur so gespickt mit herrlich verschrobenen Nebencharakteren und Cameo-Auftritten. Da bekommt man beispielsweise Snoop Dogg als Moondogs besten Freund und Rapper Lingerie, Jonah Hill als Literaturagent mit sonderbaren Südstaatendialekt, Zac Efron als schrillen Drogenentzugspatienten und Musiker Jimmy Buffett als überzeichnete Version von sich selbst zu sehen. Buffett hat hierfür auch gemeinsam mit Snoop Dogg den Titelsong „Moonfog“ beigesteuert, der bereits kurz im Film angestimmt wird und später im Abspann in seiner vollen Pracht zu hören ist. Das große Highlight im Nebencast bietet jedoch überraschenderweise „Bad Boys“-Star Martin Lawrence, der in einer kurzen Sequenz als delfinbesessener Kapitän für die wohl herrlichste Situationskomik im Film sorgen kann.

    Auch wenn der Streifen deutlich zugänglicher als manch anderer Korine-Film geraten ist, wird auch dessen neuester Joint bestimmt wieder viele Zuschauer eher abschrecken als begeistern. Zu lange bleibt er in einzelnen Momenten hängen, setzt zu oft (bewusst) auf Wiederholungen und ist allgemein gesagt zu absurd und experimentell um wirklich für ein breites Publikum funktionieren zu können. Wer sich jedoch auf diesen exzentrischen Ritt einlassen kann, wird mit einem unfassbar unterhaltsamen und audiovisuell betörenden Filmtrip bevölkert von schrillen Charakteren und absurder Situationskomik belohnt werden.

    Ein einzigartiges Werk mit Potential zum Kultfilm:

    Harmony, bleib so wie du bist!
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    (Christian Pogatetz)
    28.03.2019
    12:21 Uhr