Filmkritik zu Gully Boy

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  • Bewertung

    Vom Straßenjungen zum Star-Rapper

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Einer der wenigen Film-Formeln, die trotz altbewährter Strukturen, immer wieder aufs Neue ihren Zweck erfüllt, ist das Underdog-Rap-Drama. Seit dem weltweiten Erfolg von Eminems Schauspiel-Vehikel „8 Mile“ wurde die Formel des Films, in der einer Person aus ärmlichen Verhältnissen der Aufstieg in die Hip-Hop-Szene gelingt, bereits einige Male kopiert. Dabei entstanden beispielsweise Filme wie erst 2017 das Drama „Patti Cake$“, das der zu diesem Zeitpunkt bereits altbekannten Formel zwar einen Gender-Spin verpasste, sich abseits dessen aber an den Klischees des Genres abarbeitete. Auch das indische Drama „Gully Boy“ von Filmemacherin Zoya Akhtar widmet sich einer ähnlichen Geschichte, die in diesem Fall lose vom Leben der beiden Rapper Divine und Naezy inspiriert wurde.

    Der Film handelt vom 22-jährigen Murad (Ranveer Singh), der mit seinen Eltern in einem Slum in Mumbai lebt und Zuflucht in Hip-Hop-Musik sucht. Eines Tages wird ihm von einem anderen Rapper der Tipp gegeben sich mehr seiner Leidenschaft hinzugeben, was ihn dazu treibt eigene Songs zu schreiben. In seinen Raps versucht er die Sorgen und Probleme seiner Generation aufzugreifen und schafft es mithilfe anderer Künstler in der Hip-Hop-Szene Indiens immer mehr Aufsehen auf sich zu ziehen. Über Nacht wird aus Murad der Profi-Rapper „Gully Boy“.

    Auch wenn das Drama nur so vor Genre-Konventionen trieft, ist Akhthar ein nichtsdestotrotz wirksam erzählter und wahnsinnig unterhaltsamer Hip-Hop-Film mit ungewöhnlichen Setting gelungen, dessen knapp zweieinhalbstündige Lauflänge wie im Fluge vergeht.

    Seine Energie verdankt der Streifen in erster Linie seinem Rap-Soundtrack, der kreativ und lebhaft in das Geschehen eingebunden wurde. Die Songs fetzen und sorgen im Kino für Mitwipp-Garantie. Zudem verleihen die gut aufgelegten Darsteller dem Film einen zusätzlichen Charme. Der indische Superstar Ranveer Singh erweist sich in der Rolle von Protagonist Murad als großes Talent und wird mit Charisma und Glaubwürdigkeit bestimmt Sympathien beim Publikum gewinnen. Ein weiteres großes Highlight im Cast stellt die Performance von Alia Bhatt dar, die die obsessive Ader von Murads Freundin Safeena sehr überzeugend mimt und mit ihrem verrückten Gemüt für einige der größten Lacher im gesamten Film sorgen kann.

    Allgemein lässt sich auch sagen, dass der Film zwar eine Checkliste voller Genre-Klischees abhakt, oft aber mit einem ironischen Augenzwinkern. Dennoch muss man sagen, dass auch der lebhafte Charme und der Unterhaltungsfaktor einen nicht zu jeder Minute über das unglaublich schablonenhafte Narrativ des Films hinwegsehen lassen kann. So wirken besonders die ernsteren Töne, die der Film anschlägt, die Frauengeschichten Murads und der Side-Plot zu dessen Familie ab und an arg konstruiert und durch den überbordend melodramatischen Score nahezu pathetisch.

    Dennoch schafft es der Film mithilfe einer schmucken Inszenierung, charismatischen Darstellern, einer kleinen Prise Sozialkritik und einer großen Portion Charme die konventionelle Erzählweise die meiste Zeit hinweg effektiv und energiereich wiederzugeben. Ein garantierter Crowdpleaser made in India!
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    (Christian Pogatetz)
    15.02.2019
    00:43 Uhr