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    Der Junge, der sein Dorf rettete

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Chiwetel Ejiofor hat sich in erster Linie als Darsteller in Hollywood-Filmen wie „Doctor Strange“, „Children of Men“ oder seiner oscarnominierten Schauspieldarbietung im mehrfach preisgekrönten Sklavendrama „12 Years A Slave“ einen Namen gemacht. Mit dem Drama „The Boy Who Harnessed Wind“ gibt der angesehene Schauspieler nun sein Regiedebüt. Basierend auf den gleichnamigen Memoiren erzählt Ejiofor in seinem Erstlingswerk vom 13-jährigen William Kamkwamba (Maxwell Simba), der mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in Malawi lebt und gerne die Schule besucht. Als eines Tages lange Zeit kein Regen kommt, hat das eine Hungersnot im Dorf zur Folge. Da Williams Eltern Annie (Lily Banda) und Trywell Kamkwamba (Ejiofor selbst) zudem in der Landwirtschaft tätig sind und diese stark unter der Dürre zu leiden hat, kann sich die Familie nicht mehr das Schulgeld für ihren Sohn leisten. Der kluge Teenager schleicht sich jedoch weiterhin in die Bibliothek und kommt dabei auf eine brillante Idee. Durch den eigenständigen Bau einer Windmühle, mittels der ein Bewässerungssystem auf Vordermann getrieben werden soll, will William sein Dorf aus der Misere befreien. Dazu benötigt er das Fahrrad seines strengen Vaters, der den Plan seines Sohns zunächst jedoch nur für ausgemachte Flausen hält.

    Ejiofor ist ein zwar streckenweise konventionell erzählter, aber emotional wie auch ästhetisch kraftvoller Debütfilm gelungen, der das Multitalent des oscarnominierten Schauspielers unter Beweis stellt. Der Neo-Filmemacher zeigt ein brillantes Auge für Bildsprache und hat mithilfe von Kameramann Dick Pope wunderschöne Aufnahmen geschaffen, in denen satte Farben stecken und die die afrikanische Steppe eindrucksvoll visualisieren konnten.

    Zu Beginn ist der Film noch auf Realismus getrimmt, was durch die Verwendung einer authentischen Geräuschkulisse und einer gewissen Intimität zu den Figuren akzentuiert wird, im Verlauf der Geschichte wird Ejiofors Werk aber zu einem modernen Heldenmärchen. So kann man den Film natürlich vorwerfen, dass er ab und an auf emotionaler Ebene etwas zu dick aufträgt, jedoch wird die Authentizität der melodramatischen Elemente von einem brillanten Cast zusammengehalten. Maxwell Simba gibt als der titelgebende Junge William eine beachtliche Performance, dessen wissbegieriges Gemüt man dem Darsteller zu jeder Sekunde abnimmt. Auch Ejiofor selbst kann nicht nur hinter der Kamera, sondern auch vor der Linse begeistern und stellt die komplexe Vaterfigur mit rauer Emotion überzeugend dar.

    Auf einer Story-Ebene bietet der Film jetzt keine großen Überraschungen innerhalb seines Plots – im Gegenteil: der Titel verrät bereits den Ausgang – jedoch ist der Weg dorthin das Interessante. Durch die Dürre entstehen innerhalb des Dorfes nämlich Auseinandersetzungen, denen spannendes Konfliktpotenzial entnommen werden kann und dabei auch Themen wie politische Korruption nicht außen vor gelassen wird.

    Fazit: Es sei Chiwetel Ejiofor auf alle Fälle zu Gute gehalten, dass es dem noch frischen Filmemacher in seinem Erstlingswerk gelungen ist, eine sehr spezifische und potentiell sperrige Thematik selbst für westliche Sehgewohnheiten zugänglich zu gestalten. Zwar kommt der Film nicht zu jeder Sekunde ohne gekünstelte Sentimentalität aus, kann diese aber meistens durch seine überwältigende Bildsprache und dem ausdrucksstarken Spiel der Darstellerriege verstecken.

    Ein sehr gelungenes Regiedebüt, das einen jungen Helden aus Afrika auf wunderschöne Art und Weise zelebriert!
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    (Christian Pogatetz)
    16.02.2019
    08:56 Uhr